„Ah, doch, was verstehst du unter gut?“ rief Basil Hallward.

„Ja,“ wiederholte Dorian, indem er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und über den massigen Strauß rotblutiger Schwertlilien in der Mitte des Tisches zu Lord Henry blickte, „was verstehst du unter gut, Harry?“

„Gut sein, heißt mit sich selbst im Einklang sein“, antwortete er, den dünnen Stengel seines Glases mit blassen, feingespitzten Fingern umfassend. „Mißklang heißt es, mit anderen übereinstimmen müssen. Das eigene Leben — das ist es, worauf es ankommt. Was das Leben unserer Nachbarn betrifft, nun, wenn man durchaus ein Affe oder ein Puritaner sein will, dann mag man ihnen ja seine moralischen Ansichten ins Gesicht schleudern, aber sie gehen einen schließlich gar nichts an. Abgesehen davon, hat der Individualismus in der Tat die höheren Ziele. Die moderne Sittlichkeit besteht darin, daß man den Maßstab seiner Zeit anerkennt. Ich habe die Meinung, daß jeder kultivierte Mensch, der den Maßstab seiner Zeit anerkennt, damit eines der gröbsten Sittlichkeitsverbrechen begeht.“

„Wenn man aber nur für sich selbst lebt, Harry, muß man da nicht einen furchtbaren Preis dafür zahlen?“ fragte der Maler.

„Ja, heutzutage werden wir in allem überteuert. Ich glaube, die wirkliche Tragödie der Armut ist die, daß sich die Armen nichts leisten können als Selbstverleugnung. Schöne Sünden sind wie alle schönen Dinge ein Vorrecht der begüterten Klassen.“

„Man muß in anderer Münze zahlen als mit Geld.“

„In welcher Münze, Basil?“

„Ich meine mit Gewissensbissen, mit Schmerzen, mit... na eben mit dem Gefühl der Erniedrigung.“

Lord Henry zuckte die Achseln. „Mein lieber Junge, die mittelalterliche Kunst ist etwas Entzückendes, aber mittelalterliche Gefühle sind nicht mehr Mode. Man kann sie freilich in der Dichtung gebrauchen. Aber die einzigen Dinge, die in Dichtungen zu verwerten sind, sind solche, um die man sich in der Wirklichkeit nicht mehr kümmert. Glaube mir, kein zivilisierter Mensch bereut einen durchlebten Genuß, und kein unzivilisierter Mensch weiß, was ein Genuß ist.“