Etwa nach zehn Minuten stand er auf, schlüpfte in einen raffinierten Schlafrock aus Kaschmirwolle mit Seidenstickereien, und ging in das onyxgepflasterte Badezimmer. Das kalte Wasser erquickte ihn nach dem langen Schlaf. Er schien alles vergessen zu haben, was er hinter sich hatte. Ein- oder zweimal durchzuckte ihn ein undeutliches Gefühl, als wäre er irgendwie in eine seltsame Tragödie verwickelt gewesen, aber die Unwirklichkeit eines Traumes webte darüber.

Sobald er angezogen war, ging er in das Bibliothekszimmer und setzte sich zu einem leichten französischen Frühstück nieder, das auf einem kleinen, runden Tische nahe beim offenen Fenster bereit stand. Es war ein entzückender Tag. Die warme Luft schien mit Wohlgerüchen gewürzt. Eine Biene flog herein und summte um die Schale aus blauem Drachenporzellan, die voller schwefelgelber Rosen vor ihm stand. Er fühlte sich vollkommen glücklich.

Plötzlich fiel sein Blick auf den Wandschirm, den er vor das Bild gestellt hatte, und er zuckte zusammen.

„Ist es zu kalt für den gnädigen Herrn?“ fragte der Diener, während er eine Omelette auf den Tisch stellte. „Soll ich das Fenster schließen?“

Dorian schüttelte den Kopf. „Mir ist nicht kalt“, antwortete er.

War es alles wahr? Hatte sich das Bild wirklich verändert? Oder war es lediglich seine eigene Phantasie gewesen, die ihm einen Zug von Schlechtigkeit vorgespiegelt hatte, wo nur ein Zug von Freude gewesen war? Eine gemalte Leinwand konnte sich doch nicht verändern? Das war doch Tollheit! Das würde er eines Tages Basil als Märchen erzählen. Er würde darüber lächeln.

Und doch, wie lebendig war die Erinnerung an die ganze Sache! Zuerst in dem schwankenden Zwielicht und dann in der hellen Morgenfrühe hatte er den Zug von Grausamkeit um die geschwungenen Lippen bemerkt. Er fürchtete sich förmlich davor, daß sein Diener hinausgehen könnte. Er wußte, er würde, sowie er allein sei, das Bild betrachten müssen. Er fürchtete sich vor dieser Gewißheit. Als der Diener Kaffee und Zigaretten gebracht hatte und sich zum Gehen wandte, empfand er den heftigsten Wunsch, ihn dableiben zu lassen. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen hatte, rief er ihn zurück. Der Mann stand da und wartete auf seine Befehle. Dorian sah ihn einen Augenblick an. „Ich bin für niemand zu Hause, Viktor“, sagte er mit einem Seufzer. Der Mann verbeugte sich und ging hinaus.

Dann stand er vom Tische auf, zündete sich eine Zigarette an und warf sich auf eine üppig gepolsterte Ottomane, die gegenüber dem Schirme stand. Es war ein alter Wandschirm aus vergoldetem spanischen Leder, in das ein blumiges Louis-Quatorze-Muster getrieben war. Er musterte ihn forschend und fragte sich, ob der Schirm wohl schon jemals das Geheimnis eines Menschenlebens verhüllt habe.

Sollte er ihn überhaupt wegschieben? Warum ihn nicht da stehen lassen? Was half die Gewißheit? War die Sache wahr, so war es schrecklich. War sie nicht wahr, wozu sich darüber beunruhigen? Aber wie, wenn durch Schicksalstücke oder irgendeinen tödlichen Zufall andere Augen als die seinen dahinter blickten und die fürchterliche Veränderung sähen? Was wollte er tun, wenn Basil Hallward kam und sein eigenes Bild sehen wollte? Das würde Basil sicher tun. Nein, die Sache mußte untersucht werden, und zwar auf der Stelle. Alles war besser als diese schreckliche Ungewißheit.

Er stand auf und verschloß beide Türen. Er wollte wenigstens allein sein, wenn er die Maske seiner Schande betrachtete. Dann schob er den Schirm zur Seite und sah sich selbst von Angesicht zu Angesicht. Es war vollständig wahr. Das Bildnis hatte sich verändert.