„Oh, Harry!“ rief der junge Mann mit einem fröhlichen Lachen. „Harry verbringt seine Tage damit, unglaubliche Dinge zu sagen, und seine Abende, unwahrscheinliche Dinge zu tun. Das ist genau die Art Leben, das ich führen möchte. Immerhin glaube ich nicht, daß ich je zu Harry ginge, wenn mich Kummer drückte. Ich würde eher zu dir kommen.“

„Du willst mir wieder sitzen?“

„Unmöglich!“

„Du vernichtest meine künstlerische Existenz, wenn du dich weigerst. Kein Mensch begegnet zwei Idealen. Wenige finden eines.“

„Ich kann es dir nicht erklären, Basil, aber ich darf dir nie wieder sitzen. Es schwebt etwas Verhängnisvolles um das Bildnis eines Menschen. Es hat ein Leben für sich. Ich werde zu dir kommen und mit dir Tee trinken, das wird ebenso hübsch sein.“

„Für dich hübscher, fürchte ich“, sagte Hallward bekümmert vor sich hin. „Und jetzt adieu. Es tut mir leid, daß du mich nicht noch einmal das Bild sehen lassen wolltest. Aber dabei ist nichts zu tun. Ich verstehe sehr gut, was du dabei fühlst.“

Als er das Zimmer verlassen hatte, lächelte sich Dorian Gray zu. Der arme Basil! Wie wenig ahnte der doch von dem wahren Grunde! Und wie seltsam es war, daß er es, statt sein eigenes Geheimnis offenbaren zu müssen, fast durch einen Zufall erreicht hatte, dem Freunde das seine zu entreißen. Wie viel erklärte ihm doch diese merkwürdige Beichte! Die unverständlichen Eifersuchtsanfälle des Malers, seine ungestüme Verehrung, seine übertriebenen Lobeshymnen, sein sonderbares Verstummen — das alles verstand er jetzt, und er tat ihm leid. Einer Freundschaft, die so stark von Romantik gefärbt war, schien ihm eine gewisse Tragik inne zu wohnen.

Er seufzte und drückte auf die Klingel. Das Porträt mußte um jeden Preis versteckt werden. Er konnte sich nicht ein zweitesmal der Gefahr solcher Entdeckung aussetzen. Es war wahnsinnig von ihm gewesen, das Ding da überhaupt nur eine Stunde lang in einem Zimmer zu lassen, zu dem jeder seiner Freunde Zutritt hatte.