„Was steht zu Ihren Diensten, Herr Gray?“ fragte er und rieb seine fetten, sommersprossigen Hände. „Ich dachte, ich wollte mir selbst die Ehre geben, herüberzukommen. Ich habe gerade ein Prachtstück von Rahmen da. Bei einer Auktion ergattert. Alt-Florentiner. Stammt aus Fonthill, vermute ich. Wundervoll geeignet für einen religiösen Gegenstand, Herr Gray.“

„Es tut mir leid, daß Sie sich selbst herbemüht haben, Herr Hubbard. Ich werde gern mal vorbeikommen und den Rahmen ansehen — obwohl ich mich gerade jetzt nicht sehr für religiöse Kunst interessiere — aber heute möchte ich nur ein Bild auf den Boden getragen haben. Es ist ziemlich schwer, deshalb dachte ich mir, daß Sie so gut wären, mir zwei von Ihren Leuten zu leihen.“

„Hat gar nichts zu sagen, Herr Gray. Freue mich, wenn ich Ihnen den kleinsten Dienst leisten kann. Wo ist das Kunstwerk, gnädiger Herr?“

„Dies da“, antwortete Dorian und schob den Schirm zurück. „Können Sie es so hinaufbringen, wie es jetzt ist, Decke und Bild zusammen? Ich möchte nicht, daß es die Treppen hinauf zerschrammt wird.“

„Das werden wir leicht kriegen“, sagte der muntere Rahmenmacher und begann mit Hilfe von seinem Gesellen das Bild von den langen Messingketten loszumachen, an denen es aufgehängt war. „Und wo soll es jetzt hingebracht werden, Herr Gray?“

„Ich will Ihnen den Weg zeigen, Herr Hubbard, wenn Sie so gut sein wollen, mir nur zu folgen. Oder vielleicht gehen Sie lieber voraus. Es tut mir leid, aber es ist ganz oben. Wir wollen über die Vordertreppe gehen, die ist breiter.“

Er hielt ihnen die Tür auf, und sie gingen in den Vorraum hinaus und fingen an, hinaufzusteigen. Die ausladenden Verzierungen des Rahmens hatten das Bild sehr umfangreich gemacht, und hin und wieder legte Dorian mit Hand an, um ihnen zu helfen, trotz den unterwürfigen Einwänden des Herrn Hubbard, der die lebhafte Abneigung des wirklichen Handwerkers gegen jede nützliche Beschäftigung eines vornehmen Herrn hatte.

„Da hat man ein ziemliches Gewicht zu schleppen“, pustete der kleine Mann, als sie den letzten Treppenabsatz erreicht hatten. Und er trocknete sich die glänzende Stirn.

„Es tut mir leid, daß es so schwer ist“, murmelte Dorian, während er die Tür zu dem Zimmer aufschloß, das dieses sonderbare Geheimnis seines Lebens aufbewahren und seine Seele vor den Blicken der Menschheit schützen sollte.

Er hatte die Stube wohl länger als vier Jahre nicht betreten — in Wirklichkeit nicht, seitdem sie ihm in seiner Kindheit zuerst als Spielzimmer, und dann, als er etwas älter war, als Studierzimmer gedient hatte. Es war ein großer Raum von schönen Verhältnissen, den der verstorbene Lord Kelso eigens zur Benutzung für seinen kleinen Enkel angebaut hatte, den er wegen seiner fabelhaften Ähnlichkeit mit seiner Mutter und auch noch aus anderen Gründen immer gehaßt hatte und möglichst weit weg von sich haben wollte. Der Raum schien Dorian wenig verändert. Da war der mächtige italienische Cassone mit den phantastisch bemalten Füllungen und den abgenutzten goldenen Ornamenten, in dem er sich als Junge oft versteckt hatte. Da stand der polierte Bücherschrank aus Satinholz mit seinen Schulbüchern voll Eselsohren. An der Wand darüber hing noch derselbe zerfaserte flämische Gobelin, auf dem ein verblichener König und eine Königin in einem Garten Schach spielten, während ein Trupp von Falkenieren vorbeiritt, die auf ihren Panzerhandschuhen Vögel mit kappenverhüllten Köpfen trugen. Wie gut er sich an alles erinnerte! Jeder Augenblick seiner vereinsamten Kindheit kam ihm vors Gedächtnis, während er sich umsah. Er entsann sich der fleckenlosen Reinheit seines Knabenlebens, und es schien ihm furchtbar, daß gerade hier das verhängnisvolle Bildnis verborgen werden sollte. Wie wenig hatte er in diesen längst verrauschten Tagen von alledem geahnt, was seiner warten sollte!