»Ja, was soll denn das heißen?« fuhr der Herr los, »niemand an der Bahn, niemand hier! Was ist das für eine Ortsgruppe?«
»Bier?« fragte der Alte zaghaft, »Wein? — Aber mein Sohn hat leider die Kellerschlüssel mit, — er ist so ängstlich! —«
Wie die plötzlich in die wahrgenommene Welt durchgebrochene ewige mechanische Herzensangst der toten Materie pulste, hämmerte unerschöpflich gleichmäßig hilflos verzweifelt die gefesselte Kraft des stehenden Motors draußen hinter ihnen auf der Straße.
»Ja, wo ist denn der Ausschuß, das Komitee, der Vertrauensmann oder nur ein Ersatzobmannstellvertreter? Nächste Woche ist doch die Wahl!« Der Herr keuchte, tobte verzweifelt, fast weinend. Er drang auf den Alten ein: seine Augen, seine Hände, seine Zähne funkelten.
Der Greis sah ihn ängstlich forschend an, sehr gern bereit, zu erschrecken und zu bereuen, schuldbewußt schon, weil er noch nicht herausbekommen hatte, warum und in welcher Art es von ihm erwartet wurde.
»Siebenunddreißig Dörfer, fünf Marktflecken, drei Städte gehören zu meinem Wahlkreis! Glaubt man hier, ich habe siebenunddreißig Wochen, fünf Monate, drei Jahre zur Verfügung? Sie, Mann, hören Sie! Was denkt man hier? Was stellt man sich denn hier vor?«
Wie sollte der Greis, der sich gewiß auch in seiner Jugend nie näher mit Politik befaßt hatte, ahnen, daß es sich dem Herrn unmöglich um das Gewicht der Wählerschaft in diesem Örtchen handeln konnte und etwas Tieferes auf dem Grunde dieser Erregung war? Wie sollte er ahnen, daß der Herr im Vorbeifahren beim Anblick des selig strampelnden Kleinen in seinem Korbe hinter dem Fenster fern zu Hause sein einsames krankes Kind nach ihm wimmern hörte und gehetzt und getrieben vor dem wahnsinnigen Wunsche floh, schwächer zu sein, nicht so durchdrungen von dem richtigen Notwendigen, oder kalte eiserne Maschine zu werden ohne Leben für sich, ohne Gefühl in den Gliedern, empfindungslose Hülse des leuchtenden Wissens vom Notwendigen ohne Wahl, abgeschnellt seinen einen Weg abzuschnurren. — — Wie sollte der Greis das ahnen? — Aber mit jenem rätselhaften Feingefühl, wie es manche, auch ungebildete Menschen deutlich vor andern auszeichnet, spürte er genau, daß er von dem Schreiben der Frau an den Gemeindevorsteher, — oder war es ein Telegramm? — durch das heute morgen im letzten Augenblick die schon anberaumte Versammlung abgesagt worden, besser vielleicht nichts erwähne.
»Die Ernte!« wagte er versuchsweise schüchtern für jeden Fall, »wenn so lange Regenwetter war, und dann die Sonne schön herauskommt.« —
»Ernte! Welche politische Reife!« Der Herr lachte erbittert, »begreift ihr denn nicht, daß alles Ernten, alles Säen, alles Haben und Verdienen euch nichts nützen kann, wenn die falschen Grundsätze euch regieren, zur Macht kommen!«
Er blickte dabei die Wände entlang nach allen Seiten, bohrend bis in die Schatten der Winkel, als ob er durch die Decke, durch den Boden sehen könnte, wenn er nur allen Willen in die Augen brachte. Er glaubte, er müßte es doch dem Hause von außen ansehen, wenn man drin auf ihn wartete. Er suchte in den Augen, in den Mienen des Alten; aber er fragte nicht! Nicht einmal, ob Fremdenzimmer im Hause seien. — Wie qualvoll, daß es so geheim bleiben mußte! Wenn er wenigstens sich hätte erkundigen dürfen, ob nicht jemand durch den Ort gekommen war und nach ihm gefragt hatte! Aber sie hatten ja nicht nach ihm gefragt. Diese Menschen waren viel zu gefühllos, gewissenhaft und beherrscht!