Die Frau deutete auf ein Haus und schwebte mit ihrem schwellenden jungen Körper, den zarten weißen Gliedern, den runden duftenden voraus. Der Chauffeur war unglücklich, peinvoll zerrissen, gedrückt und beklommen, als er ihr folgte.
Die Worte, die der Herr drin im Wirtssaal zu sagen hatte, waren hinausgeglüht und er eilte durch die enge Gasse zwischen den Tischen davon. Ein Schauer ergriff die Menge draußen vor den Fenstern, als in diesem Augenblick über die leeren Tische ein gewaltiger Applaus hinrauschte und von den eingeschobenen Sesselreihen jubelnde Zurufe einer begeisterten Menge ertönten. Er achtete nie darauf, wie die Reihe Gesichter vor ihm zugehört hatte, das Verständnis, der Wille der anderen ihm antworteten. Es mußten doch alle bis ins Innerste von dem durchdrungen werden, was so wahr war? Wenn einzelne so böse oder so unglücklich waren, es nicht zu verstehen, durfte ihn das ja nicht berühren.
Als er nun heiß und strahlend unter die Leute vors Haus trat, wichen, prallten sie ehrerbietig zu beiden Seiten zurück und er nickte ihnen mit Handbewegung und durchleuchtetem Blick Abschied zu, sich mit leichtem elastischen Schwung, wie Fürstlichkeiten nach festlichen Empfängen, ins Auto schwingend und sah erst, als er schon drin war, den einen Fuß noch auf dem Trittbrett, daß der Chauffeur nicht da war. Er sah sich um: Nirgends! Nur die Verlegenheit der Leute, die betretene angstvoll neugierige Spannung, der inständige Wunsch aller Gesichter, er möchte doch nicht hin, gerade hinschauen, wies seinen Augen den Weg. Nur einen Augenblick huschten die zwei Gesichter an dem Fenster ohne Vorhang vorbei, aber seinetwegen hätte der Vorhang nicht zurückgezogen sein müssen. Er sah durch die Mauer, sah die Hände des Chauffeurs mit seiner Frau beschäftigt. Ja natürlich, sie war es! Welche Frau hätte er denn auch sonst sogleich ohne Toilette erkennen können? — Aber wie war er vollkommen Politiker! Als jetzt sein Bewußtsein, Willen, Denken gefroren aussetzten, öffneten sich seine Lippen und sagten, — er hörte es, — mit überzeugender Nachlässigkeit: Der Kerl sei nicht zurückzuerwarten! Er habe ihn nur mit einem Telegramm zur Bahn geschickt und wohl wegen des dummen Benzins habe der kleinliche Mensch nicht das Auto benützt. Ob vielleicht jemand von ihnen oder im Dorf ein Auto lenken könne? Nein? — Er habe unmöglich Zeit zu warten! Die Versammlung in Klarbach. — Er müsse es zu Fuß versuchen. Man solle ihn also sogleich nachschicken, wenn er komme.
Er sprang von seinem Sitz und eilte. Er hatte sich geirrt! Im nächsten Dorf wartete seine Frau auf ihn, konnte er denken, je weiter er war, nur schnell! damit sie nicht zu lange warte! Mitten in der ersten Zuhörerreihe der nächsten Versammlung würde sie sitzen, hinter der Tür des nächsten Wirtssaals mit einem »Baff« hervorspringen, sobald er öffnete; oder hatte sonst eine Überraschung für ihn vor. Sie war doch solch ein Kind, solch ein süßes großes lustiges Kind!
Aber zu diesen Menschen gehörte er nicht. Er dachte: Mein Kind ist tot, die Frau ist tot. — Aber ich habe keine Zeit!
Er lief; er flog. Der Ministerpräsident wartete auf ihn! Er hatte nie gewußt, daß man so schnell laufen konnte. ‚Vielleicht handelte es sich um die Altersversorgung der abgeschufteten Überbleibsel armer mißbrauchter Menschmaschinen oder um die Behütung der Kinder vor Hunger, schlechter Luft und Haß und zerstörender Arbeit. — Ich habe unrecht getan und es geschieht mir unrecht. Oder geschieht mir vielleicht recht! Aber ich habe keine Zeit! — Auf jeden entfällt das entsprechende Maß Glück und Unglück, wenn er sich nur natürlich benimmt. Aber sie warten alle, die auf mich vertrauen! Wie sind sie doch mehr als ich, ich einzelner! Der Ministerpräsident wartet auf mich! —‘
Er lief, raste, aber gleichmäßig, hetzte nicht! Oh, er hatte sich in der Gewalt, wenn es nottat. Er mußte ja lange ausdauern. Er wollte das Ziel, verschmähte die kluge Mäßigung nicht, wußte, daß sie mehr war als die Tollheit. — ‚Vielleicht handelte es sich um eine neue Verteilung des Bodens, um reine, lichte, hohe Wohnungen für jeden, für alle, um die Abschaffung der Gefängnisse, der Kriegsrüstungen. Für jeden sein Häuschen, sein Gütchen, sein kleines irdisches Glück, auf dem das ewige Große seiner Seele und seines Geistes gesund und gerade wachsen konnte. Vielleicht —‘
Alles an ihm wurde Fuß. Er hatte nur diese Muskeln. Er sah nicht, hörte nicht, roch nicht. Sein Atem ging gehorsam im Schritt.
Der Chauffeur war aus Pflichteifer so rasch hinter ihm hergefahren, aus Reue, Treue. Die versäumte Zeit einzubringen, ihn rasch einzuholen, und merkte nichts von dem Hindernis, das er überrannte. Die Straße war schlecht. Und als man ihn später zu dem blutigen zerquetschten Leichnam führte, ihn zu agnoszieren, wollte er lange nicht glauben, daß er es gewesen sei, der seinen Herrn überfahren hatte.
Der blaue Sommernachmittag lag über dem Dorf. In den Feldern klangen wieder die Sicheln und Sensen und rauschten in den Halmen zu den Reden der Weiber. Von einigen ganz nahen hörte man es bis vor das Wirtshaus, wo ein Teil der Bauern zurückgeblieben war, die einen in Scheu, die andern in erregtem Lärm das Erlebte besprachen.