An dieser Stelle kündigt sich wohl am eindringlichsten innerhalb der romantischen Spekulation an, daß und warum dem Romantiker Leben und Denken, Natur und Philosophie zur Poesie hat werden müssen. Weit ungenauer und unsicherer heißt es bei Novalis: „Der Sinn für Poesie hat viel mit dem Sinn für Mystizismus gemein. Er ist der Sinn für das Eigentümliche, Personelle, Unbekannte, Geheimnisvolle, zu Offenbarende, das Notwendig-Zufällige. Er stellt das Undarstellbare dar. Er sieht das Unsichtbare, fühlt das Unfühlbare usw.“ „Es gibt einen speziellen Sinn für Poesie, eine poetische Stimmung in uns. Die Poesie ist durchaus personell und darum unbeschreiblich und undefinissabel. Wer es nicht unmittelbar weiß und fühlt, was Poesie ist, dem läßt sich kein Begriff davon beibringen. Poesie ist Poesie“ (2, 298 f.). Novalis kommt, das Geheimnis der Poesie zu beschreiben, nicht über negative Merkmale hinaus. Fr. Schlegel wagt es, die negativen Elemente, die Novalis erkennt, ins Positive umzudeuten. Für Novalis ist Poesie das Unbeschreibliche, Unfaßbare; für Fr. Schlegel wird Poesie zur Lösung des Rätsels, das von dem Unbeschreiblichen, dem Geheimnisvollsten uns aufgegeben wird — ein Symbol des Unendlichen.
Ist aber Poesie ein Abglanz des Unendlichen, gönnt sie uns einen Blick in die Schönheit des größten Kunstwerkes, gestattet sie uns, „die Musik des unendlichen Spielwerkes zu vernehmen“: dann ist es Aufgabe des Dichters, des Künstlers überhaupt, seine Anschauung des Unendlichen der Welt zu vermitteln. So wird der Künstler zum Mittler. „Ein Mittler“, sagt die 44. Idee, „ist derjenige, der Göttliches in sich wahrnimmt und sich selbst vernichtend preisgibt, um dieses Göttliche zu verkündigen, mitzuteilen und darzustellen allen Menschen in Sitten und Taten, in Worten und Werken.“ Aber nur wer sein Zentrum in sich hat, kann der Aufgabe genügen. „Wem es da fehlt, der muß einen bestimmten Führer und Mittler außer sich wählen“ (Idee 45). „Nur derjenige kann ein Künstler sein, welcher eine eigne Religion, eine originelle Ansicht des Unendlichen hat“ (Idee 13). So arbeitet Fr. Schlegel mit Schleiermachers Anschauungen.
Das Genie erhält hier einen neuen Charakterzug. Die Fichteschen Züge des Genies (s. oben S. 36) mit ihrer Neigung, ihrem Inhaber etwas Schillerndes, Unsicheres, Schwankendes zu leihen, finden ihre Ergänzung in der Forderung, daß der Künstler eine in sich geschlossene Persönlichkeit, ein „organischer Geist“ (Athenaeumfragment 366) sei, daß er ein festes Zentrum habe.
Und so verbinden sich die Strahlen, die aus der Schleiermacherschen, Fr. Schlegelschen und Schellingschen Vergöttlichung des Unendlichen hervorgehen, in einem Punkte. Hatte Fichte der Romantik zu grenzenloser Selbstbestimmung und willkürlicher Freiheit verholfen, hatte er zugleich eine Scheidewand zwischen dem Reich der Geistigkeit und dem Reich der Natur aufgerichtet, so wich nunmehr nicht bloß solcher Dualismus einem wirklichkeitsfrohen Monismus. Auch die grenzenlose und unbeschränkte Willkür darf nicht länger ungestört walten. Organische Einheit und Ganzheit, Verbindung und Verknüpfung der Teile zu einem geschlossenen Ganzen mit einem festen und sicheren Mittelpunkte: diese neuen Forderungen geben dem Romantiker seinen Halt. Sie weisen auf die Stelle hin, an der der endliche Mensch das Ewige und Unendliche in sich darstellt in einer nur ihm eigenen Form.
Stillen aber soll die neue Lehre die krankhafte Sehnsucht nach dem Unendlichen. Die Seelenpein des Vernunftmenschen, der sein Ideal nie erreichen kann, kommt zur Ruhe in der monistischen Verschmelzung des Unendlichen und Endlichen. Die sehnsüchtige Liebe zum Ewigen, zum Absoluten, zu Gott, zum Universum — sie kann in der Liebe zum Endlichen, zu dieser Welt ihren Frieden finden. Darum sinkt Hyazinth, da er das Bild der Wahrheit zu enthüllen sucht, in Rosenblütchens Arme, darum wird ihm in ihren Armen ein volles, ungetrübtes Glück.
Trotzdem bleibt romantische Poesie im wesentlichen eine Poesie der Sehnsucht. Weit seltener als von der erfüllten, dichtet der romantische Poet von der unerfüllten Sehnsucht, sei das nun eine rein räumliche Sehnsucht nach der Ferne oder die Sehnsucht das Ewige, die Gottheit zu erfassen, oder die Sehnsucht nach der Geliebten. Für die Charakteristik dieser Sehnsuchtstimmungen haben die Romantiker feinste und subtilste Worte gefunden, allen voran Novalis.
Die Liebe jedoch, die in diesen romantischen Gedankengängen eine solche Rolle spielt, mußte notwendigerweise einmal zu allseitiger Betrachtung kommen; es geschah in der „Lucinde“.