Wie immer bei solchen Gelegenheiten, griff die Veränderung der Sachlage mehr und mehr in das Leben eines Teiles der Dörfler ein. Die Kleinhäusler fristeten hierzulande ein hartes Dasein. Ihre kärglichen Feldstreifen trugen wenig. Jeder von ihnen war gezwungen, zur Erntezeit und während des Winters, beim Holzen, bei den Bauern auf Taglohn zu arbeiten. Dieser Verdienst war, wie man sich auszudrücken pflegte, "zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel."
Diesen Leuten kam der Bahnbau gelegen. Es gab erträgliche Löhne dort.
"Da hab ich meinen Batzen Geld, basta!—Und brauch' nicht bitten und betteln bei den Bauern," äußerte sich der Fendt, dessen baufällige Hütte am Dorfausgang stand. "Ich bleib' überhaupt nicht mehr da," sagte der Rieminger, "ich verkauf mein Häusl dem Jürgertmichl und mach' eine Wäscherei auf in der Stadt. Da hab' ich auf niemand aufzupassen!"
Und so geschah's auch.
Kaum ein halbes Jahr rann him, da hatte Michael auch das Fendthäusl und den baufälligen Reishof gekauft. Die beiden Häusler bekamen eine saftige Summe und konnten in ihren Häusern bleiben. Michael verlangte nicht einmal Mietzins von ihnen. Das trug sich herum von Ohr zu Ohr. Mit einer gewissen Achtung sprach man davon.—
Der Bahnbau war in vollem Gange. Durch Gleimhansens Äcker trampelten die Arbeiter, dicht hinter dem Söllingergehöft, in den Weizenlanden wühlten sie den Kot aus der Erde. Mit verbissenen Gesichtern schauten die Bauern auf ihre verwüsteten Äcker. Viel Fremdvolk war unter den Arbeitern. Italiener und Böhmen. Es gab Einbrüche, nächtliche Raufereien und Messerstechereien.—
Die Söllingerin bekam die letzte Ölung. Nach einigen Tagen starb sie.
Das ganze Dorf und viele Bauern aus der Umgebung standen um das Grab.
Die Glocken trugen ihr Läuten durch die Luft.
Der Reinalther sagte beim Leichenschmaus im Wirtshaus zum Söllinger:
"Was hast' von dei'm Leben, Bürgermeister? Deine zwei Söhn' sind ja
doch schon städtisch, da will keiner mehr an die Mistgabel und an den
Pflug!"
Finster sah der Söllinger ins Leere und erwiderte kein Wort. Seine zwei Söhne, der Martin und der Joseph, saßen da und schwiegen gleichfalls. Zwei flotte Burschen waren sie, sahen gar nicht mehr bäurisch aus, studierten in der Stadt und hatten runde, selbstbewußte Gesichter, auf denen ein überheblicher Stolz glänzte.
Der Bürgermeister stand auf einmal auf und ging.