Inzwischen war es spät geworden. Der Alte machte keine Anstalten zu Bett zu gehen. Im Gegentheil, er schenkte sich nach seiner großen Rede noch einmal frisch ein, und schien jetzt erst, wo er sich einen gewissen festen Standpunkt erobert, einer weiteren und energischen Diskussion entgegenzusehen. Um so müder war ich selbst; theils durch die Wanderung, theils durch den Gang der Debatte. Diesem Alten gegenüber war ja doch keine Aussicht, zu einer ruhigeren und vernunftgemäßen Auffassung der Sache zu kommen. Schließlich, wenn ich ihn mit sogenannten Vernunftgründen zu stark bedrängte, möchte er jähzornig werden; und das war seine Force. So stand ich denn auf und bat den Alten, mir ein Nachtlager anzuweisen. "Geben Sie's schon auf!"—bemerkte dieser und griff nach seinem Krückstock,—"ja, junger Mann, werden Sie älter; Sie glauben, weil Sie durch die Luft schauen sei nichts drinn! Zwischen uns und der Himmelsschicht stecken Tausende von Dingen; aber man muß sie sehen können."—Ich ging auf diese Erörterung nicht weiter ein; und der Alte zündete ein Talglicht an, und schritt humbelnd und räuspernd vor mir her zur Thüre hinaus. Auf dem Gange kamen wir zur Rechten zuerst an einer schlechtgehaltenen, schwarzgeräucherten Küche vorbei. Dann ging's zur engen Stiege, die in einem scharfen Winkel nach oben führte. Knapp vor dieser Stiege lag noch eine kleine, schmale Thür; "hier,"—bemerkte der Alte, und wies mit seiner Krücke auf den Eingang,—"ist jenes Zimmer, wo vor reichlich zwanzig Jahren das Unbegreifliche passirt ist.... Junger Mann, Sie wären vielleicht einmal froh, ein solches schmales, winziges Zimmerchen Ihr Eigen zu nennen!"—Dann ging's pustend und kollernd nach oben. "Uebrigens,"—bemerkte der Alte, oben angekommen, und mich schwerfällig bei den Schultern nehmend,—"lassen Sie sich die Sache nicht allzu sehr bekümmern; sagen Sie auch morgen früh nichts zu meiner Tochter und zu meinem lieben Sohn. Sie haben's nicht gern. Es ist auch alles noch zu jung.... Und nun schlafen Sie wohl.... Dort ist Ihr Zimmer.... Hier nehmen Sie das Licht!"—Ich nahm eilig das heftig in der Luft hin und her schlenkernde Licht, und ging in das angedeutete Gemach, wo ich nichts Außergewöhnliches bemerkte. Eine blaugeweißte Stube mit gedrucktem grünem Taft-Rouleaux; ein schiefer, wackliger Tisch mit alten Tintenflecken; ein gußeiserner kleiner Ofen mit geknicktem Rohr; eine gelbgestrichene Bettlade auf vier hohen dünnen Füßen mit zunderweichen Leintüchern und einem centnerschweren, röthlich-carrirten Federbett; ein Nachttischchen mit kittgelbem Potschamber, und ein Stuhl mit aufgerissenem geblümten Ueberzug.—Es war kalt, und fröstelnd legte ich mich in das knisternde raschelnde Bett. Ich hörte unten noch einiges Gepolter, und dann war es todtenstill im Hause.—

Aber ich konnte nicht einschlafen. Das Geheimniß dieser drei Leute, das sonderbare Verhältniß unter ihnen, der Umstand, daß der Alte, vordem unumschränkter Herr in seinem kleinen Besitzthum, den Intriguen der schlauen Jüdin unterlegen sein soll, beschäftigten fortwährend mein Inneres. Daß der Junge,—sagte ich mir,—gänzlich unter dem Einfluß der Mutter herangewachsen ist, war natürlich; jede Mutter macht aus ihrem Sohne, was sie will; aber, was nicht erziehbar ist, war das schwärmerische, überspannte Wesen des jungen Menschen, der immer wie geistesabwesend erscheint. Woher hat er das, nachdem Niemand im Hause in der Richtung geartet ist oder sich benimmt? Nehmen wir an, der junge Mensch käme zum Militär; würde er wegen geistiger Perversität zurückgestellt werden? Wie stand es auf der andern Seite mit jener geheimnißvollen Geburt?

So was macht wohl ein junges Mädchen weis; aber so was glaubt nicht Jedermann. Die Dirne mußte doch, auch bei einem außerehelichen Kind, angeben, wer der Vater ist. Was gab sie denn an? Sollte am Ende der Alte selbst...? Und aus Furcht wegen der Minderjährigkeit der Person diese Mähr ersonnen haben? Da lag es doch näher einem durchreisenden Handwerksbursch die Sache aufzuhalsen.—Kurz, da paßten die Steine nicht aufeinander. Und dann wie verhielt es sich mit jenem im Schweinsstall eingesperrten Scheusal? Noch einmal ließ ich die ganze Episode, wie sie mir der Alte erzählt, vor mir vorüber gleiten. Ich mußte gestehen, sie war prachtvoll ersonnen. Die Manier der Frauenzimmer, Wirkliches und Phantastisches durcheinanderzumischen, daß man nicht weiß, wo das Eine anfängt, das Andere aufhört, so daß man entweder das Ganze annehmen oder verwerfen muß, ist charakteristisch. Niemand wird darin etwas finden, daß sich eine junge Dirne an einem heißen Wochen-Nachmittag halb auszieht und in ihrem Zimmer bei halbverschlossenen Läden auf's Bett legt.—Mir fiel das Zimmer ein, auf das der Alte im Heraufgehen hingewiesen hatte. Ich sagte mir: Du gehst jetzt fort von diesem Haus und erzählst überall von dieser seltsamen Mähr, und Jeder wird dich dann nach dem Zimmer fragen. Ich beschloß daher, mir dieses Zimmer anzuschauen. Und da am nächsten Morgen wohl kaum Zeit und Gelegenheit war, so beschloß ich, sofort hinunterzugehn. Ich stand auf und stand bald strumpfig auf dem Gang.-Wenn ich entdeckt würde?!—Doch ich hatte schon meine Ausrede, wohin ich mitten in der Nacht zu gehen beabsichtigte.—Meine Stiefel standen noch vor der Thür, wie ich sie hingestellt. Kein Laut im ganzen Haus. Ich ging strumpfig zur Stiege. Die erste Sprosse knerzte vernehmlich. Doch ging ich weiter. Ich kam auch glücklich hinunter; tappte an der Wand umher, und fand den Thürgriff. Ich drückte: die Thür war verschlossen; kein Schlüssel steckte. Ich wurde zornig, und beschloß um jeden Preis in das Zimmer einzudringen. Schon oben war mir in meinem Zimmer eine gewisse Lidschäftigkeit des Schlosses aufgefallen; d.h. das Schloß war genau in jenem Zustand, wie Möbel, Wände, Hauseinrichtung und das ganze Haus selbst. Gleichwohl schien dieses untere Schloß etwas besser fundirt. Ich hob die Thür empor, um auf diese Weise vielleicht die Sperrvorrichtung über das Widerlager hinwegzuhebeln. Auch das war vergebens. Als ich mich aber gegen die Stiege stemmend, nochmals das, wie ich wohl fühlte, schlecht construirte und locker befestigte Schloß forcirte, sprang die Thüre plötzlich mit sammt dem Eisen auf, und ich stürzte halb vorwärts in einen eiskalt durchströmten Raum, während ein—Tauber mit zornigem Gurren und heftigem Flügelschlag durch das zur Hälfte offene Fenster das Weite suchte. Der Mond stand auf dieser Seite des Hauses, und warf einen kalten, bläulichen Streifen durch den offenen Spalt. Von der ersten Ueberraschung erholt, sah ich einen so einfachen Raum, wie die meisten übrigen Zimmer des Hauses waren. In der vom Fenster abgewendeten Ecke ein Bett mit brennrother Wolldecke, zerknittert und zerrauft, wie wenn Jemand drinngelegen; und die Decke, ebenso wie der ganze Boden, über und über mit Taubenschissen bedeckt. Rückwärtig an der Thür hingen an ein paar Nägel die blau-sackleinenen, abgeschabten Kleider, nebst roth-wollenem Unterrock, wie sie die Bauernmädel in Franken tragen. An der Wand ein blindes, zerbrochenes Stück Spiegelglas.—Draußen, durch den einen geöffneten Fensterflügel, sah ich, flirrte das eiskalte, bläuliche Mondlicht über den harten Boden. Hinter dem Hause, mir unsichtbar, hörte ich unterdrücktes, zorniges Gurren vom Taubenschlag her. Aber eines anderen Gesellen wurde ich hier ansichtig; und auch bald anhörig: der Schweinsstall lag auf ca. zwanzig Meter gerade vor mir. Und war es das angeifernde Mondlicht, oder das laute Geräusch, welches mein Sprengen der Thür verursacht hatte, die Bestie, die dort eingesperrt war, hatte den Kopf durch ein über der Thür des Schweinsstalls angebrachtes Guckloch durchgesteckt, und winselte von dort mit einer wahnsinnigen Gier, sei es zum Mondlicht hinauf, sei es zu mir herüber. Den Kopf selbst konnte ich nicht deutlich erkennen, weil durch eine das Guckloch überragende Verschalung des Stalls vom Vollmond ein schwarzer Schlagschatten auf das Guckloch selbst geworfen wurde. Aber ich sah die zundrig gelben Augen, hörte den harten, pfundig-schweren Schädel wiederholt wider die Verschalung stoßen, und das geifernde Brüllen, das in dieser nächtlichen Totenstille aus dichtester Nähe zu mir herüberdrang, war untermischt mit jenen grunzenden, bellenden, höhnischen Lauten, die mich schon am Abend in der Stube so erschreckt hatten. Durchkältet und angeekelt verließ ich das Zimmer wieder und schloß die Thüre so gut es ging. Ich ging zurück in mein Bett, und schlief schlecht und beunruhigt den Rest der Nacht.—

Als ich aufstand, sah die Sonne bereits in mein Zimmer, und ein heißer, widerlicher Küchengeruch drang von unten herauf; ich zog mich rasch an, müd und geärgert von den Erlebnissen des letzten Abends und der vergangenen Nacht. Nach allem mußte ich mir sagen: so interessant dieses Gasthaus hinsichtlich seiner Insassen, so ungenügend ist es in seiner Einrichtung und Verpflegung. Und wenn ich auch keine besonderen Ansprüche machte, als einer, der auf Schusters Rappen reist, so sah ich doch auf ein gutes Bett und eine kräftige Suppe. Mit diesen Gedanken trat ich aus dem Zimmer, um meine Stiefel zu holen. Dieselben waren gar nicht geputzt. Jetzt wurde ich ärgerlich. "Christian!"—rief ich laut und commandirend über den Gang—"Christian!"—und als der Gerufene die Stiege herauf kam: "Diese Stiefel sind nicht einmal gereinigt! Was für eine Wirthschaft!"—Der junge Mann kam in seinem weißen Habit herauf, und indem er mir die Stiefel aus den Händen nehmen wollte, rief er voll schmerzlichen Pathos und mit von Schluchzen unterbrochener Stimme: "Ihre Sorgen, Herr, drehen sich um ein paar Stiefel und ihren Glanz, aber mir, Herr, stecken die stachlichen Sporen eines ungesättigten Wahns im Fleische; der Schmutz der gesammten Menschheit wühlt in meinem Herzen, und das Mitleid mit der ganzen Welt will mich nicht mehr verlassen!... Nehmt mich mit Euch, Herr, ich verderbe in diesem Hause; niedriger Schmutz und Eigennutz will mich ersticken; nehmt mich mit Euch, Herr, in die große Welt, damit ich für sie sterbe!"—Damit fiel der junge Mensch, der in diesem Augenblick von engelgleicher Schönheit war, auf den Boden und umfaßte meine Kniee. Ich sah jetzt, daß der arme, junge Mann krank war; entriß ihm schnell meine Stiefel, und ging in mein Zimmer zurück.

Eine Viertelstunde später saß ich unten in der Stube bei einem bitteren Eichelkaffe und einem steinharten Stück Brot. Die Jüdin ließ sich nicht mehr sehen; ich hörte sie aber in der Küche herumhantiren. Der Alte saß zitternd und lallend, und vollständig unfähig des Gebrauchs seiner Glieder im Lehnstuhl; die Augen gequollen und thränenselig. Er suchte mich zum Reden zu bewegen. Ich aber vermied jedes Gespräch. Es drängte mich, fortzukommen aus diesem unglückseligen Hause. Als mein Ranzen gepackt war, zahlte ich Herberge und Verköstigung. Ich muß gestehen, der Betrag war gering. Der Alte gab mir mit Mühe und Noth die paar Batzen heraus, von denen ich erst später zu meiner nicht geringen Verwunderung sah, daß es ausländisches Geld und mit den Bildnissen des Königs Herodes und des römischen Kaisers Augustus geschmückt war. Der Alte lallte mir wohl ein paar Worte nach, als ich ihm zum Abschied die Hand schüttelte; die Jüdin in der Küche schmiß die Küchenthüre zu, als ich auf den Gang trat; und oben hörte ich den jungen Menschen noch bitterlich schluchzen, als ich die Hausthür öffnete.—

Draußen kam mir alles prosaischer und interesseloser vor, als den vorherigen Abend. Es war ein frischer kalter Tag, der Einem alle Phantastereien aus dem Kopfe trieb. Ich ärgerte mich jetzt unwillkürlich über alles, was ich erlebt hatte, und worüber ich nachgedacht hatte. Ich eilte vorwärts, ohne mich umzusehen. Und bald hatte ich die Landstraße erreicht. Ein eiskalter Wind pfiff vom Osten her. Keine zwanzig Schritt von mir, aber entgegengesetzt der von mir einzuschlagenden Richtung, saß ein Steinklopfer bei seiner Arbeit und hämmerte tüchtig darauf los. Ich konnte nicht umhin, auf ihn zuzugehen. "He! Alter,"—rief ich ihn an,—"kennt Ihr das Wirthshaus da hinten im Wald?"—"Jo, jo!"—antwortete er im besten Fränkisch,— "sell is a Abdeckerei!"—"Abdeckerei?"—frug ich verwundert,—"was ist das: eine Abdeckerei?"—"No, wo mer halt die alte Gäul und die räuthige Hünd darschlägt,"—bemerkte er, und lachte spöttisch über meine Unwissenheit, wobei er fortfuhr—"des is nix G'scheid's!... die Leut' häße's halt die >Gifthütten<!"—"Gifthütte?"—frug ich,—"weßhalb?"—"No, es künnt eba nix Gut's 'raus, und geht nix Gut's nei!"—Als ich verwundert stehn blieb und ihn ansah, fuhr er weiter: "Vo dera Leut' weeß mer net wo's har sen, und vo wos daß lebe!"—"Nun,"—entgegnete ich—"ich bin heiler Haut herausgekommen!"—"Sen S' froh,"—rief der Steinhauer, und schwenkte heftig seinen weiß angelaufenen Hammer,—"Sen S' froh, und mache S' weiter, und gucke Se nimmer'rüm, und vergasse Se de Schinderhütt'n!... "—Hä, hä, hä, hä, hä—klang's blöckend drüben vom Wald her wie aus dem Schweinsstall.—Unwillkürlich trieb's mich fort; ich grüßte den Steinklopfer, und schritt rüstig meine Straße weiter, ohne für eine Stunde wieder umzusehen.—


[Der Goldregen.]


Wenn's Zehn-Mark-Stück'l regent
Und Zwanz'g-Mark-Stück'l schneibt,
Na bitt' i unser'n Herrgott,
Daß's Wetter so bleibt.
Altbayrischer Vierzeiler