Die Lokalnotiz lautete: "Straßburg, den ... 187.—Gestern wurde eine größere Anzahl französischer Dirnen aus der Umgebung von Besançon und Belfort, die zum Theil noch aus der Belagerungszeit hier waren, zum Theil mit dem Einzug der deutschen Truppen sich hier festgesetzt hatten, auf Grund des Niederlassungs-Gesetzes für Elsaß-Lothringen und der neuen polizeilichen Verordnungen für Straßburg, Stadt, (Sitten-Controlle) von hier ausgewiesen und per Schub über die Grenze gebracht."

"Also das war der Gegenstand Ihrer eifrigen Nachspürungen!"—sagte ich nach einer Pause absichtlich verstellten Erstaunens, und fest entschlossen, kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand mit dem Commissar zu verhandeln.—Er schaute mich an mit einem Gesicht, als hätte er jetzt erst die Anfangsgründe einer neuen und der denkbar schwierigsten Sprache erlernt.-Und dann, nach einer Pause, als Niemand eine passende Wendung zum Auseinandergehen fand, frug ich noch: "Nun, und die andere Sparte? Was ist mit den Männern?"—"Die,"—sagte der Commissar mit traurigem Kopfschütteln,—"die werden wir nie fassen! Die kommen unter den höchsten Ständen selbst vor!—Die...." (hier sagte mir der Commissar etwas leise in's Ohr)!—Dann gab er mir die Hand, und wir schieden stumm von einander.—


[Der Corsetten-Fritz]


Aus alten Märchen winkt es
Hervor mit weißer Hand,
Da singt es und da klingt es
Von einem Zauberland.
Heine


Ich bin der Sohn eines protestantischen Pfarrers. Ich wuchs in einem ganz kleinen Städtchen auf. Wir waren vielleicht achthundert Seelen. Jedes kannte das Andere; fast bis auf die Gedanken. Von früh auf leitete mein Vater selbst meine Erziehung. Ich mußte Lateinisch lernen, wogegen sich mein Kopf, wie gegen ein exotisches Gift, sträubte. Die sicherste und intensivste Erinnerung, die ich aus dieser Zeit habe, ist ein gewisser Zustand, eine Disposition meines Kopfes, eine Art psychischer Anfall, der mich jedesmal in der Kirche überraschte. Mein Vater predigte ganz anders, als er zu Hause sprach. Auf der Kanzel hatte er eine plärrende, heulende Redeweise. Zu Haus war er knapp, bestimmt, coramisirend. So befand ich mich in der Kirche einer ganz anderen Persönlichkeit gegenüber. Und die Wirkung war eine ganz neue. Kaum hatte die Gemeinde mit ihrem Rock-Geräusch sich auf die Bänke niedergelassen, und das geistliche Geheul meines Vaters erfüllte widerprallend mit doppeltem und dreifachem Echo das kleine Gottes-Haus, so war meine Seele entflohen. Und auf mir nur zu bekanntem Weg, und immer auf demselben, lief sie fort, und trieb sich umher, und suchte etwas, und lief auf die Dörfer in der Umgebung, und wollte überall eindringen, in die Häuser, durch die Fenster der Menschen, in die Schränke, ja sogar in die Menschenleiber, und wollte überall horchen, und suchen, und spähen, ohne zu wissen, was; das Schluß "A-män!"—und meine Seele kehrte wie der Geier zurück, ich erwachte; vor mir lag das Gesangbuch mit seinen schwarzen Lettern; am Altar waren die Kerzen tief herabgebrannt; mein Vater wischte sich den Schweiß von der rothen Stirn; die Leute rutschten feierlich und ergriffen; und auf dem Chor begann die Orgel ein leises Smorzando-Spiel.—Dieß ist die intensivste Erinnerung aus meinen Kinderjahren: dieses Davonlaufen der Seele bei jeder günstigen Gelegenheit; dieses Herumsuchen nach etwas Unbekanntem, nach etwas Aufzustöberndem; und dieses Nichts-Nach-Hause-Bringen.—

Später, als es Zeit war, in die Lateinschule einzutreten, kam ich in ein kleines Provinzstädtchen; zu Leuten, die mich ebenso streng von allem, was man Welt nennt, abschlossen, wie mein Vater; und die mir ebenso unermüdlich wie meine Eltern eintrichterten: Zweck meines Daseins sei, Doctor der Theologie zu werden, und Sonntags Leute in Seidenkleidern und schwarzen Tuchröcken mit frappirendem geistlichen Inhalt zu füllen, plärrend und pfauchend, wie mein Vater. Dieses Programm war mir vollkommen geläufig; ich hatte mich auch vollständig mit ihm ausgesöhnt; aber, was meine Seele dazu sagen werde, jenes Wanderthier, welches auf eigene Faust auf Eroberungen ausging, und jeder Clausur, jedem Stubenarrest spottete, das wußte ich natürlich nicht.—

Ich heiße Fritz. Und als die Lateinschule mit vierzehn Jahren absolvirt war, mußte man mich wohin bringen, wo auch ein Gymnasium war. Dies that mein Vater nur schweren Herzens. Denn das nächste Gymnasium war die Residenz. Eine Residenz, in der damals Künste und aller mögliche Luxus in reichster Blüthe stand. Und vor dieser irdischen Blüthe der Welt wollte mich mein Vater um jeden Preis bewahren. In der Residenz wohnte ein Onkel von mir, von nicht minder rigorosen Grundsätzen, wie mein Vater. Zu diesem wurde ich, nach Vorausgang eines intensiven Briefwechsels, endlich gebracht, und hatte von hier aus, unter strengster Ueberwachung, sozusagen unter Clausur, das nahgelegene Gymnasium zu besuchen.