Am dritten Tage, nachdem wir unsere Ansprüche in bezug auf Nachtlager und Nahrung auf das Niveau bescheidener Haustiere herabgedrückt hatten, erreichten wir die Chilenische Grenze. Auf dem Gipfel des Passes, dem sogenannten »Cumbre« ist vor einigen Jahren eine Kolossalstatue, eine Christusfigur ans Kreuz gelehnt, errichtet worden. Sie dient als Wahrzeichen des Friedens zwischen Chile und Argentinien, den beiden feindlichen Nachbarländern, die jahrzehntelang ununterbrochen Zwist und Hader miteinander hatten. Auf beide Seiten hin, nach Chile und Argentinien öffnet sich ein wundervolles Gebirgspanorama. Einen abstoßenden Eindruck machen gerade auf dieser Stelle die überall umherliegenden Kadaver von Maultieren, die dem atmosphärischen Druck während des Überganges nicht standgehalten haben.

Einen letzten Blick warfen wir auf den Aconcagua, der uns in diesen Tagen ein lieber und vertrauter Freund geworden war und den wir schwerlich wiedersehen werden. Der Abstieg in die chilenischen Täler wurde zu Fuß unternommen. Von den unbequemen, breiten mexikanischen Sätteln, die hier in allgemeinem Gebrauche sind, hat man nach vier Tagen gerade genug. In Juncal erreichten wir den Zug, der uns in schneller Fahrt über kühne Viadukte, durch zahllose Tunnels, entlang dem schäumenden Rio Branco immer weiter talabwärts führte.

Im idyllischen chilenischen Städtchen Los Andes, wegen seines idealen Klimas – es regnet dort nie – ein gesuchter Luftkurort, gönnten wir uns zwei Ruhetage, zu wenig noch, um die einzigartigen, großartigen Eindrücke dieses Andenüberganges zu verarbeiten. Sollten sich im weiteren Verlaufe der Reise die Eindrücke in ähnlicher Weise häufen, so könnte, fürchte ich, bei aller Elastizität, die Aufnahmefähigkeit endlich versagen.

Tafel 1

Kordilleren-Landschaft
Puente del Inka (Anden)

Tafel 2