Sehr stark vertreten ist das deutsche Element in der industriellen und geschäftlichen Welt Chiles. Ein höchst wichtiger spiritus rector des Geldverkehrs in Chile ist die Deutsche Transatlantische Bank, die ihre Filialen in allen kleinen Städten des Landes hat und mit ihrer vorzüglichen Organisation einen kleinen Staat für sich bildet. Seit wir in Chile sind, reisen wir sozusagen als Postpakete der Deutschen Bank. Die Liebenswürdigkeit dieser Herren hat keine Grenzen. Überall werden uns von ihnen die manchmal allerdings recht rauhen Wege geebnet. Wer Südamerika bereist und sich der Deutschen Bank anvertraut, ist in Abrahams Schoße aufgehoben.

Von den indigenen Bevölkerungselementen sind am interessantesten natürlich die Indianerstämme der araukanischen Rasse, von denen in einem besonderen Artikel die Rede sein wird.

Soll ich nun den chilenischen Frauen ein Loblied singen? Auf den ersten Blick erscheinen sie stolz und unnahbar. Ob sie es in Wirklichkeit sind, kann erst eine längere Erfahrung lehren. Ihre auffallendste Charaktereigentümlichkeit ist für den sich im Anfangsstadium des Beobachtens befindlichen Durchreisenden – ihre ostentativ zur Schau getragene Frömmigkeit. Wenn man in Chile morgens auf die Straße geht, glaubt man alle Frauen seien Nonnen oder gehörten einer geheimen Sekte an. Sämtliche Personen weiblichen Geschlechts tragen hier nämlich bis zum Mittag eine Art Uniform, einen schwarzen, seidenen Schleier, der das Haupt und die ganze Gestalt verhüllt, und, kunstvoll geschlungen, nur das Gesicht frei läßt. Das ist das Kirchgangkostüm der Chileninnen, die demnach alle täglich morgens die Kirche zu besuchen scheinen. Wenigstens tun sie so als ob, und man kann es ihnen nicht übel nehmen, denn zu dem matten, elfenbeinfarbenen Teint ihrer oft auffallend hübschen Gesichter gibt der schwarze Schleier einen außerordentlich kleidsamen Rahmen ab. Abends tragen diesen schwarzen Schleier, den sogenannten Manton, nur kleine Bürgersfrauen und – Demimondainen. Dieser Umstand hat auch eingeborene Chilenen schon manchem verhängnisvollen Mißverständnis zugeführt.

Was Chile vor allen übrigen Staaten Südamerikas auszeichnet, ist die außerordentliche landschaftliche Schönheit des Landes. Der Norden erinnert etwa an die malerischen Partien von Oberbayern. Mittelchile, das Gebiet der interessanten Araukanerstämme, ist verhältnismäßig flach. In den Süden, die eigentliche Schweiz des Landes, deren romantische Schönheit über alles gerühmt wird, komme ich erst nach einigen Wochen. Santiago liegt in einem tiefen Talkessel, umgeben von schneegekrönten Höhenzügen. In der Mitte der Stadt erhebt sich ein, in einen prächtigen Park verwandelter Bergkegel, S. Lucia, von dem aus man einen herrlichen Rundblick ins Land hinein genießt. Wenn man Glück hat, kann man dort bei Sonnenuntergang das herrlichste – Kordillerenglühen erleben.

Eine berühmte Sehenswürdigkeit des nördlichen Chile ist der sogenannte Lota-Park. Er liegt unweit des Städtchens Conception am malerisch zerklüfteten Ufer des Stillen Ozeans. Auf dem Wege dorthin passiert man, nebenbei gesagt, die zweitlängste Eisenbahnbrücke der Welt, die, mehr als 2 Kilometer lang, über den jetzt im Sommer total versandeten Strom Bio-Bio führt. Der Lota-Park befindet sich in Privatbesitz, und es ist nicht leicht, die Erlaubnis zu seiner Besichtigung zu erhalten, da seine Besitzerin, die einer der vornehmsten und reichsten Familien des Landes angehört, in diesem Punkte von der hier üblichen, nach unseren Begriffen fast lächerlichen Exklusivität ist. Der Deutschen Bank verdankten wir, wie vieles andere noch, den Schlüssel zu diesem Sesam. Die vegetative Pracht des Parkes ist vielleicht einzigartig in der Welt, schon ob ihrer Mannigfaltigkeit, denn von den herrlichsten Palmen und Magnolienbäumen bis zu unserer bescheidenen Kiefer und Edeltanne, die sich in der exotischen Umgebung ganz besonders malerisch ausnehmen, ist dort jede Baumart vertreten, die im tropischen und gemäßigten Klima gedeiht. Die Erhaltung des Parkes muß einen enormen Aufwand von Kosten und Mühe beanspruchen. Nur eins sucht man dort vergeblich – unverfälschte Natur! Das Ganze nimmt sich wie ein künstlich hergerichteter botanischer Garten aus, was es im Grunde genommen ja auch ist. Die sauber geharkten Kieswege, die tausende von Statuen – vom Apollo von Belvedere bis zur plastischen Darstellung der Lieblingshunde der Besitzerin –, allerhand künstliche Grotten, aus Wurzeln und Schlingpflanzen hergerichtete Pavillons und Laubengänge verjagen den letzten Rest von Naturstimmung. Von all diesen Dingen bis zu Störchen und Zwergen aus Porzellan ist nur ein Schritt. Und das am Ufer des Stillen Ozeans, zu dem der Zugang durch einen kostbaren Zaun verbarrikadiert ist! Nein, das ist nicht das Richtige. Beim Durchwandern des Lota-Parkes schwand der Respekt vor dem Natursinn und dem künstlerischen Geschmacke der Besitzerin und ihrer Berater langsam aber sicher.

Wir verließen den Lota-Park in einem Extrazuge, den uns der Direktor der Bahnlinie in einem unverständlichen Anfalle von Liebenswürdigkeit zur Verfügung gestellt hatte. Um den einzigen Waggon des Zuges führte eine Galerie. Wir schoben uns Feldstühle hinaus und atmeten ordentlich auf, als wir, von den Strahlen der untergehenden Sonne begleitet, in die naturechten Wiesen und Wälder der chilenischen Landschaft hineinfuhren. Mein Reisekamerad nahm den Hut ab und grüßte jede Butterblume am Wege. Es gehört sicher mehr dazu, als Millionen und Vornehmheit, um nicht zu verderben, was die Natur mit ihrem eigenen Kunstsinn erschafft.

9. BRIEF.
TEMUCO. – EIN AUFZUG DER ARAUKANER-INDIANER.

Mitten im Herzen Chiles, wo die westlichen Ausläufer der Anden-Kordilleren sich nach dem Stillen Ozean hinziehen, an einer Stelle, die vor dreißig Jahren von dichtem Urwald bestanden war, liegt heute die rasch emporgeblühte, obzwar noch kleine Stadt Temuco. Auf den meisten Karten Chiles, außer den allerneuesten, steht sie noch nicht einmal verzeichnet. Dennoch bietet gerade dieses Städtchen dem reisenden Europäer besonderes Interesse. Nicht wegen seiner landschaftlichen oder sonstigen Schönheit. Temuco an sich ist immer noch ein recht elendes kleines Nest, mit langweilig geraden, schlecht oder gar nicht gepflasterten Straßen und den für Chile charakteristischen einstöckigen Erdbeben-Häusern aus Holz oder Lehm. Von der Sonne gelb gebrannte Wiesen umgeben die Stadt, auf einigen Hügeln stehen noch Reste des niedergebrannten Urwaldes, halbverkohlte Baumstämme mit phantastisch gekrümmten Astarmen, niedriges gelbgrünes Buschwerk. Diese ungemütlich-monotone, trostlos arme Landschaft verleiht dem Ort keinen Reiz. Was Temuco interessant macht, ist die unmittelbare Nähe der immer noch halbwilden Araukanerstämme, eines Indianervolkes, das seit urvordenklichen Zeiten die Chilenische Ebene, in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern um Temuco herum, bevölkert.

Als wir in Temuco anlangten, wurde dort gerade ein wissenschaftlicher Kongreß von chilenischen Gelehrten abgehalten. Anfangs konnten wir nicht umhin, diesen Congreso scientifico und alle seine Teilnehmer zu verwünschen, denn das einzige Hotel Temucos, das für Europäer in Betracht kommt, war derart überfüllt, daß wir mit einem höchst primitiven Nachtlager vorlieb nehmen mußten, nachdem wir uns geweigert hatten, ein kleines Zimmer mit drei keineswegs vertrauenerweckenden Chilenen zu teilen. Am nächsten Tage jedoch schon hatten wir Ursache, den Congreso reumütig zu segnen, statt ihn zu verfluchen.

Gegen Mittag begann eine uns anfangs unerklärliche Aufregung und Bewegung in der Stadt zu herrschen. Als wir auf die Straße hinaustraten, sah man von allen Richtungen her endlose Züge von Reitern nach dem Mittelpunkte der Stadt, der sogenannten »Plaza des armes«, die in keiner südamerikanischen Stadt fehlt, hinziehen. Es stellte sich heraus, daß es sich um einen Aufzug der Araukaner oder Mapuches, wie man sie hier auch nennt, handelte, der zu Ehren der Kongreßmitglieder in Szene gesetzt wurde. Immer bunter, immer bewegter, immer interessanter wurde das Bild, das sich nach und nach auf dem Platze entwickelte. Größere und kleinere Trupps von Reitern nahten im Galopp, im Trab oder im Schritt. Endlich mögen weit über Tausend versammelt gewesen sein. Im blendenden Sonnenscheine flimmerte der aufgewirbelte Staub, blitzte der Silberbeschlag des Zaumzeugs und der Steigbügel, die Reiter sitzen wie angewachsen auf den dicht aneinandergedrängten, ungeduldig stampfenden Pferden. Alle tragen sie den bunten oder einfarbigen, gestreiften, gewürfelten, oder mit anderen, oft schönen Mustern bedeckten Poncho, das für Reiter höchst bequeme, hier unentbehrliche Kleidungsstück, eine Art Plaid, durch den durch einen Schlitz in der Mitte der Kopf durchgesteckt wird, während der Stoff von allen Seiten frei am Körper herabhängt. Breitrandige Hüte aus Stroh oder farbigem Filz bedecken die Köpfe. Unter den Hüten schaut manches interessante Gesicht hervor. Blitzende, braune Augen, gerade Nasen, starke Backenknochen; der Bart im Gesicht, wenn er überhaupt wächst, wird ausgezupft, bis auf einen schmalen Haarstreif am äußersten Rande der Oberlippe. Weit malerischer noch und eigenartiger, als die Männer, sind die Frauen gekleidet. Auch sie sind fast alle zu Pferde, hier und dort sieht man zwei auf einem braven Tier sitzen – natürlich rittlings, ohne Steigbügel, denn die Araukanerfrauen tragen nie einen Stiefel. In der Kleidung bevorzugen sie zwei Farben, schwarz und dunkellila, was zu ihrer gelbbraunen Gesichtsfarbe und dem tiefschwarzen Haar schön aussieht. Reicher Silberschmuck bedeckt die Brust, ein großes Tuch, das die Schultern verhüllt, wird von einer silbernen Nadel, in Form eines Pfeiles, zusammengehalten, das Haar ist von silbernen Schnüren durchflochten, hin und wieder sieht man das Haar, im Nacken geteilt, in zwei aus Silber geschmiedeten Röhren stecken. Je reicher die Mapuchesfrau ist, desto mehr Silberschmuck trägt sie, Ohrgehänge, Ringe, Gürtel zu allem übrigen.