So schaukelten wir denn auf den Wellen als willenloses Spielzeug der Ozeandünung. Das letzte Butterbrot war längst verspeist, der letzte Tropfen Tee getrunken. Es gibt Stimmungen, die man »weißglühende« nennt. Als uns gegen 5 Uhr morgens die Zigaretten ausgingen, glühte ich weiß, schneeweiß, durchsichtig. Begegnungen mit der Mannschaft vermied ich, um nicht zum Mörder zu werden. An Schlaf war vor Wut und Hunger kein Gedanke.

Das wundervolle Schauspiel des Sonnenaufganges konnte unter solchen Umständen natürlich auch nicht gebührend genossen und bewundert werden. Endlich um 10 Uhr morgens erblickten wir am Horizonte ein anderes Motorboot, das direkt auf uns zusteuerte: der Besitzer unseres Bootes, von Sorge um unseren Verbleib erfüllt (wir hatten noch nicht bezahlt), kam uns suchen. Freundlich war der Empfang, den wir ihm bereiteten, trotz aller Freude, nicht. Er nahm uns, schuldbewußt, in Schlepptau, und nach drei langen Stunden kamen wir in Panama an, wo wir uns in die erste beste Hafenkneipe stürzten.

Darüber, daß wir keinen Alligator mithatten, war der Bootsbesitzer keineswegs erstaunt. Er erzählte uns zum Trost, daß er vor einigen Wochen zweiundzwanzig Amerikaner in dieselben Jagdgründe expediert hatte, und daß sie nach einem mörderischen Feuer von Tausend Schuß ebenso beutelos heimgekehrt waren wie wir. Vor unserer Abfahrt hatte er uns diese lehrreiche Geschichte wohlweislich verschwiegen. Und die Moral von der Geschicht'? Fahr auf dem Meer auf Motorbooten nicht.

18. BRIEF.
VON PANAMA NACH NEW YORK. – JAMAIKA. – CUBA.

Da der Kanal noch nicht schiffbar ist, muß der Isthmus im Schnellzuge durchquert werden. Die Fahrt dauert knappe zwei Stunden. Aus dem bequemen Pullman-Car läßt man noch einmal die wechselnden Bilder der Kanalbauten an sich vorüberziehen, denn der Schienenstrang hält ziemlich genau die Richtung des Durchstiches ein. Die weiten Sümpfe, mit dichtem Tropen-Urwalde bestanden, bieten stellenweise ein überaus reizvolles landschaftliches Bild. Beruhigend hinsichtlich der Moskito-Gefahr wirken die mächtigen Petroleum-Behälter, an denen man von Zeit zu Zeit vorüberfährt.

Colon, an der atlantischen Seite der Landenge gelegen, ist der wichtigste Hafen Mittel-Amerikas. Er ist der Knotenpunkt des gesamten Schiffahrt-Verkehrs zwischen Europa, den Westindischen Inseln, Nord- und Mittel-Amerika.

Am Pier erwartete uns ein prächtiger neuer Dampfer der Hamburg-Amerika-Linie »Karl Schurz« – also benannt nach dem Kölner Freiheitskämpfer, der in den Vereinigten Staaten zu der Stellung eines führenden Staatsmannes gelangte und dem kürzlich ein prächtiges Standbild über der Amsterdam-Avenue in New-York enthüllt worden ist.

Die achttägige Seefahrt von Colon bis New York gehört zu den angenehmsten Erinnerungen unsrer Reise. Aus Dankbarkeit möchte ich die Hauptursache unseres Wohlbefindens an Bord des »Karl Schurz« erwähnen. Es war dies die außerordentliche Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit des gesamten Schiffspersonals, vom Ober-Steward bis zum letzten Schiffsjungen. Alle Angestellten des Dampfers sorgten sich um jeden einzelnen Passagier so, als hinge von dessen Wohl und Wehe ihr eigenes Seelenheil ab. Herrlicher Zustand! Ich glaube, ich bin mein Lebtag nicht besser bedient worden, als im Rauchsalon und im Speisesaale des »Karl Schurz«.

Auf der Route Colon–New York sind zwei Stationen vorgesehen: in Kingston auf Jamaika und in Santiago de Cuba. Auf Jamaica hatten wir einen ganzen Tag Aufenthalt. Diese Insel – wenigstens soviel wir davon zu sehen bekamen – ist ein bezauberndes Fleckchen Erde. Vom ersten Schritt an, den man auf Jamaica tut, spürt man mit Behagen, daß die spanische Lotterwirtschaft, die einem manche Strecken Süd-Amerikas verekelt, aufgehört hat.

Englische Kultur weit und breit. Ihre Vorzüge kann man erst richtig ermessen, wenn man sie sechs Monate lang entbehrt hat.