Einen unvergeßlichen Anblick bietet die Bucht von New York, wenn man an einem sonnigen Sommermorgen die Einfahrt passiert. Weithin sichtbar erhebt sich die kolossale Freiheitsstatue auf ihrem breiten Granitsockel. Ihr goldenes Haupt scheint Blitze zu sprühen. Unzählige Dampfer, Segelschoner, Schaluppen schaukeln sich auf den Wellen, dazwischen schießen pfeilschnell in allen Richtungen Motorboote und die kleinen Dampfkutter, die den Verkehr zwischen der Stadt, den vielen Inseln der Bucht und den weiter gelegenen Vororten vermitteln. Es ist ein unwahrscheinlich buntes und belebtes Bild. Im Vergleich dazu scheint Cuxhaven der Vorhof einer Toteninsel.
Bald wird die Aufmerksamkeit von der nächsten Umgebung des Dampfers abgelenkt: vom Morgennebel noch ein wenig verhüllt zeichnet sich die Silhouette der Stadt in immer deutlicher werdenden Umrissen am Horizont ab. Im ersten Augenblick ist es schwer, sich über die Linie dieser Silhouette klar zu werden. Sie hat so merkwürdig viele Ecken und gerade Linien, die hoch in den Himmel hineinragen. Wenn man näher kommt und einzelne Bauwerke unterscheiden kann, begreift man, was man vor sich hat.
Das also sind die berühmten Wolkenkratzer! Vom Meer aus erfaßt man ihre Dimensionen noch ganz und gar nicht. Sie sehen nur so merkwürdig aus, weil sie vereinzelt dazustehen scheinen, denn die Häuserzeile mit Gebäuden unter zehn Stockwerken bleibt unbemerkt.
Es dauert überhaupt eine ganze Weile, zum mindesten einige Tage, bis man das Straßenbild von New York mit vollem Bewußtsein in sich aufzunehmen vermag. Wir sind solche Dimensionen nicht gewöhnt; der Blick gleitet darüber hinweg, ohne daß der Verstand erfaßt, was das Auge sieht. Erst allmählich lernt man begreifen, was man vor sich hat, und erst dann kann man anfangen zu staunen.
Alle Achtung vor den amerikanischen Architekten, deren berühmtester übrigens – eine Frau ist. Sie verstehen es, die kolossalen Steinmassen so zu gliedern, daß man sich von den enormen Gebäuden, die die Straßen umsäumen, keinen Augenblick bedrückt oder eingeengt fühlt. Zählen lassen sich übrigens die Stockwerke der Wolkenkratzer ebensowenig, wie etwa die Waggons eines vorüberfahrenden Güterzugs. Man hat keine Anhaltspunkte. Ist man glücklich in die Gegend von zwanzig gekommen, so muß man sicherlich wieder von vorne anfangen.
Kurz vor unserer Ankunft war das höchste Gebäude New Yorks, auf das sogar die Amerikaner ganz besonders stolz sind, fertig geworden. Es steht in vollster Pracht, von Gerüsten befreit, am Broadway da. Es ist die Kleinigkeit von siebenundsechzig Stockwerken hoch, d. h. es soll so viele Etagen haben. Nachzählen habe ich sie nicht können. Bei einem Zählversuche muß hier auch das sicherste Auge versagen, aus dem einfachen Grunde, weil man in der schwindelnden Höhe der obersten zwanzig Stockwerke keine einzelnen Fenster unterscheiden kann, man mag noch so weitsichtig sein. Man kann sich von den Dimensionen des Gebäudes annähernd eine Vorstellung machen, wenn man erfährt, daß es fast dreihundert Meter, d. h. beinahe ebenso hoch wie der Eifelturm ist. Da es trotzdem durchaus den Eindruck eines Hauses und nicht den eines Turmes macht, kann man sich denken, welch einen enormen Flächenraum es bedeckt. Wie mag es den Leuten zumute sein, die etwa im sechzigsten Stockwerke wohnen und eine Fernsicht fast bis Europa genießen? Unsereines hätte sicherlich nicht die innere Ruhe für solch ein luftiges pied-à-terre, das übrigens in diesem Falle lieber pied-en-air heißen sollte. Schon der Feuersgefahr wegen. Es brennt in New York täglich an allen Ecken und Enden, und zwar vorzugsweise in den Wolkenkratzern. Kein Mensch regt sich mehr darüber auf. Die Zeitungen registrieren ganz geschäftsmäßig die Zahl der Leichen.
Die Wolkenkratzer in New York rangieren nicht als gleichberechtigt unter der großen Masse der übrigen Häuser. Sie sind Aristokraten, und werden individuell behandelt. Bei den Lebenden leugnet die demokratischste aller Nationen den Adel ab, unter toten Gebäuden schafft sie ihn sich. Das äußert sich darin, daß jeder »sky-scraper« seinen Namen hat. Dieser Name bezeichnet entweder den Besitzer des Gebäudes: »Astor-Haus«, oder eine Bestimmung: »Rubber-building«, »Times-building«, oder ist einfach aus freier Phantasie geschöpft: »Atalanta«, »Independencia« usw. Dieser Name genügt natürlich als Adresse, sowohl der Post, als auch den Lenkern der Verkehrs-Vehikel.
Das Wolkenkratzer-Viertel ist die Geschäftsgegend der Stadt, New York-City. Es beschränkt sich auf die Straßen, die den Anfang des Broadway durchqueren. Dieser Broadway ist übrigens eine unfaßliche Straße, nach europäischen Begriffen wenigstens. Er ist – sage und schreibe – 45 Kilometer lang. Wenn man als Kind an einem Ende ausgeht, kommt man als Greis am andern an.
Seine Häuser individualisiert New York, die Straßen dagegen nicht. Es gibt nur wenig Straßen, die einen Namen haben. Die Numerierung der Straßen erleichtert einem zwar das Orientieren in der Stadt, hat aber im übrigen etwas Geisttötendes an sich, ebenso, wie die »Linien« auf dem »Wassili-Ostrow« in Petersburg. Längelang wird die Stadt vom Broadway und zwölf Avenuen durchschnitten, von denen nur eine einen Namen hat: die »Amsterdam Avenue«, quer durch gehen ca. 270 Straßen, deren jede ihre Nummer hat, durch zwei Zahlen und die Hausnummer läßt sich also jede beliebige Stelle der Stadt genau fixieren. Dieses Verfahren ist ebenso bequem wie langweilig, was sich übrigens auch von manchen anderen »amerikanischen« Einrichtungen sagen läßt.
Von den Avenuen ist die großartigste die berühmte »Fünfte«. Die verwegenste Rechenkunst muß an dem Exempel versagen, wieviele Milliarden schwer die Bewohner dieser Straße sind. Im Rayon der ersten siebzig bis achtzig Querstraßen ist die 5. Avenue die vornehmste Kaufstraße New Yorks. Die ganze »Rue de la paix« und »Avenue de l'Opéra« von Paris, die »New-bond-street« aus London haben hier ihre Filialen. Am meisten ins Auge stechen die fabelhaften Juwelierläden und die märchenhaften Blumengeschäfte. Nebenbei bemerkt, trägt jede fashionable New Yorkerin, die die 5. Avenue zu Fuß oder im Auto passiert, einen ziemlich umfangreichen Blumenstrauß im Gürtel, meistens Orchideen oder Rosen.