Ja Brasilien! Es ließe sich gar viel darüber sagen. Besonders über die neue republikanische Regierung und ihre »Geschäftsprinzipien«. Jetzt will sie dem Kaiser Dom Pedro II, der Brasilien zu seinem unerhört raschen kulturellen Aufschwunge verholfen hat, ein Denkmal setzen. Seinerzeit, als der republikanische Staatsstreich gelang, wurde der alte Mann, der ein großer Gelehrter und einer der feinsten Köpfe des 19. Jahrhunderts war, auf ein altes halbzerfallenes Schiff gesetzt und nach Europa expediert, wobei die sichere Hoffnung bestand, daß der alte Kasten, der den Kaiser trug, statt in Europa auf dem Seeboden anlangen würde. Als diese Hoffnung fehlschlug, erfolgte das Dekret, daß nie mehr ein Mitglied des Hauses Braganza den Boden Brasiliens betreten dürfe. Dieses Dekret hat nun unvorhergesehene Folgen. Die gemäßigte republikanische Partei will die Leiche Dom Pedros aus der Lissaboner Begräbniskirche nach Rio überführen, um sie hier zu bestatten. Die Regierung muß sich dem widersetzen, denn Dom Pedro ist, obzwar tot, – doch ein Braganza!

Was soll ich über Rio de Janeiro sagen? Man müßte ein Buch schreiben, wollte man einen richtigen Begriff von dieser Stadt vermitteln. Landschaftlich ist sie paradiesisch schön. Die Natur hat alle Herrlichkeiten, die sie hervorbringen kann, auf diesen Fleck Erde zusammengetragen. Das Panorama der Bucht ist einzig in seiner Art. Hohe Bergzüge von bizarren Formen umsäumen die Stadt. Mitten in der Bucht erhebt sich der sogenannte »Zuckerhut«, ein violetter Bergkegel, der bisher als unzugänglich galt. Seit einigen Wochen erreicht ihn eine Schwebebahn, deren kühnes Projekt – echt amerikanisch! – vor fünf Monaten noch nicht entworfen war. Die Bergabhänge sind von unglaublich üppigem tropischen Urwald bedeckt. Herrlich sind die enormen Kaiserpalmen, die eine Höhe von 40 Metern erreichen und die mächtigen Bambusbüsche, die aussehen, wie riesengroße grüne Fontänen. Eine großartig angelegte Automobilstraße hat vor nicht langer Zeit den Reisenden die nächste Umgegend Rios erschlossen. Sie führt über den Bergrücken des Tijuka durch dichten Urwald, in dem man hin und wieder einen Papagei aufscheucht und wo sich die märchenhaften blauen Riesenschmetterlinge auf den leuchtenden Blüten der tropischen Bäume wiegen. Die Ausblicke, die sich auf dieser Straße nach allen Richtungen hin bieten, sind – zu schön, denn man glaubt nicht an ihre Realität. Man meint, sich mitten drin in einer Dekoration einer phantastischen Zauberoper zu befinden. Weder Klingsors Zaubergarten, noch die Märchenhaine eines Tschernomoren können reicher und üppiger gemalt werden. Es fehlt dieser ganzen Landschaft nur die Seele, die Stimmung. Oder vielleicht verstehen wir Nordländer sie nicht. Man fühlt sich fremd in dieser unerhörten Tropenpracht, die man bewundern kann, ohne sie zu lieben.

Die Stadt Rio hat zwei Gesichter, ein weißes und ein schwarzes. Der fabelhafte Luxus des Europäerviertels umgibt das erbärmliche Elend des Negerhügels, der sich mitten in der Stadt erhebt.

Die Neustadt übertrifft in der Anlage stellenweise selbst Paris. Was wollen z. B. die Champs elysées sagen im Vergleich zu dem 14 Kilometer langen asphaltierten, mit Steinquadern ausgelegten Kai, der die ganze Bucht von Rio de Janeiro umsäumt und die Stadt mit dem Badeort Leme verbindet! Und doch wieviel schöner ist der kleinste Winkel von Paris, als der ganze blendende Talmiglanz des modernen Rio. Denn ein Talmiglanz ist es. Man spürt es jeden Augenblick, daß man sich auf dem Boden eines Landes, das keine Geschichte hat, bewegt. Geld – das ist die einzige treibende Kraft Brasiliens. So glanzvoll alles nach außen hin ist, so fehlt doch jede innere Kultur. Es ist nichts echt, alles – Nachahmung. In der bodenlosen Geschmacklosigkeit vieler Bauten, ihrer überladenen Pracht, dem völligen Mangel jeden Stilgefühles zeigt sich das kulturelle Niveau ihrer Erbauer nur zu deutlich. Dennoch sind die Brasilianer mit einigem Recht stolz auf Rio. Allerdings äußert sich ihr Selbstgefühl mitunter in der lächerlichsten Weise. Auf dem berühmten Theatro Municipale stehen in großen goldenen Lettern drei Namen: Goethe, Molière, – A. Penna. Was sollen die Deutschen und Franzosen dazu sagen! Penna ist ein kleiner einheimischer, übrigens ganz vergessener Komödiendichter, gegen den etwa Kotzebue ein Shakespeare war. Nationalitätsgefühl ist eine gute Sache, doch sei man vorsichtig in seinen Äußerungen, sonst wird man ridikül oder taktlos.

5. BRIEF.
BUENOS AIRES.

Wollte man sine ira et studio eine Schilderung der Hauptstadt Argentiniens entwerfen, wie sie sich dem Reisenden auf den ersten Blick präsentiert, so würde kein Mensch glauben, daß der Brief aus Amerika kommt. Buenos Aires hat nichts, aber auch gar nichts »amerikanisches« an sich. Es ist nichts anderes als eine vorzüglich gelungene Kopie sämtlicher Hauptstädte Europas zusammengenommen. Wenn man die Straßen der argentinischen Hauptstadt durchwandert, so glaubt man bald in Berlin, bald in Paris, in Petersburg, in London, meinetwegen in Hamburg, in Frankfurt, München oder sonst irgendwo zu sein, nur nicht in Südamerika, dem Lande, das sofort die Vorstellung von Indianern, Prärien, Pampas, wilden Tieren oder breitnasigen Patagoniern erweckt. Von alledem ist in Buenos Aires natürlich nicht das allergeringste zu sehen. Die Stadt bedeckt einen enormen Flächenraum, ihr Weichbild ist größer, als dasjenige Londons, obgleich Buenos Aires kaum halb so viel Einwohner (ca. 3 Millionen) zählt. Die abgezirkelt rechtwinklige Anlage der Straßen erinnert an das Friedrichstraßen-Viertel in Berlin, nur daß sich hier die einzelnen Straßen noch viel ähnlicher sehen und infolgedessen noch viel langweiliger sind. Was nützt die architektonische Pracht einzelner Bauwerke, wenn sie sich immer wiederholt! Man mag einen noch so guten Ortssinn besitzen und die Stadt noch so viele Male durchquert haben – dennoch weiß man nie, an welcher Straßenecke man sich befindet. Sie sehen alle genau gleich aus.

Etwas besser ist es um die öffentlichen Plätze bestellt. Sie haben mehr Charakter, und man unterscheidet sie schon dadurch untereinander, daß auf jedem ein anderer erzener oder steinerner argentinischer Reitergeneral, oder sonst irgend eine Lokalberühmtheit in mehr oder weniger kühner Denkmalspose verewigt ist.

Kommt man dagegen zur berühmten Avenida del Mayo, dem Stolz der Argentinier, so ist man wieder in Paris. Der Boulevard des Capucines, wie er leibt und lebt! An das Paris vor zehn Jahren erinnern auch die zahllosen ein- und zweispännigen Droschken, die hier noch nicht, wie in Rio de Janeiro, von Automobilen verdrängt sind. Und schaut man sich die fabelhaft luxuriösen Läden an, so liest man auch dort auf den breiten Schaufenstern dieselben Namen wie in Paris. Die ganze Rue de la Paix ist hier vertreten, meistens sogar besser und reicher als an Ort und Stelle. Das gilt besonders von den Juwelierläden.

Die Argentinier haben nämlich viel Geld, unglaublich viel Geld und bezahlen mit dem Stolze aller plutokratischen Parvenüs kaltlächelnd Unsummen für allerhand Luxusgegenstände. Warum sollten sie auch nicht? Das Land selbst, das doppelt so groß ist als Europa, bietet ja unerschöpfliche Reichtümer. Und immer wieder erschließen sich neue. Man braucht sie nur zu nehmen. Von den enormen Viehzüchtereien, den in einzelnen Händen befindlichen Latifundien von der Größe mäßiger Königreiche, von der fabelhaft rasch emporgeblühten Weinkultur, die in wenigen Jahren unberechenbare Vermögen geschaffen hat, von den Erzreichtümern der Kordilleren usw. werde ich noch zu erzählen haben, wenn ich ins Innere des Landes hineinkomme. Augenblicklich ist man hier sehr erregt durch die Nachricht, daß sich im Süden Argentiniens zu allem Übrigen noch außerordentlich ergiebige Naphthaquellen erschlossen haben. Man nimmt an, daß dadurch den kaukasischen und nordamerikanischen Quellen eine sehr ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt entstehen wird.

Doch ist es nicht meine Sache, darüber zu berichten. Ich sehe mir das Land mit den Augen eines gewöhnlichen Reisenden an, und wirtschaftliche Studien liegen mir fern.