»Unter allen Umständen,« versicherte Hildegard mit Überzeugung. »Die Ehe ist etwas so Unästhetisches. Was ist Ihre Ansicht?«

»Ich weiß nicht,« sagte Anna Marie gewissenhaft; »in meiner Jugend hatte ich keine Zeit, ans Heiraten zu denken, und es hat sich schließlich nie jemand viel um mich bekümmert. Als zum erstenmal die Frage ernstlich an mich herantrat, war ich zu alt.«

»Das ist ja ganz thöricht, Sie sind jetzt noch nicht zu alt,« versicherte Fräulein von Mühlhausen tröstend und höflich.

»Nun, vielleicht hätte es eine andere an meiner Stelle immerhin noch probiert,« meinte Anna Marie lachend, »aber ich – mit einem Wort, ich hatte ein zu romantisches Temperament, um mich in eine Ehe hineinzufügen, die zu meinen Jahren gepaßt hätte.« Kaum waren die Worte von ihren Lippen gefallen, so wurde sie dunkelrot, sie schämte sich, so viel von sich selbst gesprochen zu haben.

Auf Fräulein Hildegard hatte das naive Geständnis gar keinen Eindruck gemacht, die dachte immer nur an sich.

»Ich bin nicht im mindesten romantisch,« versicherte sie, »mir ist alle Liebe entsetzlich, ein jeder Mann wurde mir widerwärtig in dem Augenblick, wo ich merkte, daß er Lust bekam, mir einen Kuß zu geben. War das bei Ihnen nicht der Fall?« Die erhabene Hildegard forderte diese Vergleiche mit ihrer Umgebung natürlich immer nur heraus, um ihre eigene sittliche Höhe an der Kleinheit der anderen zu bemessen. Diesmal wurde selbst die gutmütige Anna Marie etwas ungeduldig. »Ich muß aufrichtig gestehen,« rief sie, »daß ich nicht oft –« doch ohne den Satz zu Ende zu sprechen, schlug sie die Hände zusammen und rief halb freudig halb erschrocken: »Jesus Maria!« worauf sie, ohne Hildegard weiter zu beachten, auf die beiden jungen Leute zueilte, die sie soeben neben der Flora sitzend erblickte, und ihren rätselhaften katholischen Ausruf in die Worte übersetzte: »Aber Kinder! was ist euch denn eingefallen?«

»Thue nur nicht so verzweifelt,« rief Kitty trotzig, »es geht dir doch nicht vom Herzen. Ich hab dir's ja angesehen, ganz genau hab ich dir's angesehen, daß du dir nichts Besseres für mich wünschtest. Wie solltest du auch!« Und Kitty heftete ihre von Glück und Liebe strahlenden Kinderaugen auf Altenried.

»Ich hoffe, daß wir Ihrer Sympathien sicher sind, gnädiges Fräulein,« sagte der junge Offizier, der, im Gegenteil zu Kitty, eher etwas verlegen war. »Mein Geständnis ist schneller gekommen, als ich gedacht hatte!«

»Daran bin ich allein schuld,« versicherte Kitty gelassen, »ich habe ihn gezwungen sich auszusprechen!«

Altenried sah erst Kitty, dann Anna Marie an, dann legte er den Arm um Kitty. »Gnädiges Fräulein, Sie haben keine Ahnung, wie lieb, wie –« Die Stimme brach ihm, er küßte Kitty auf die Stirn.