Das Wesen dieses oft gerühmten, von Justus Möser in seinen patriotischen Phantasien und in seiner Osnabrückischen Geschichte verherrlichten Hauses ist, daß für alles, was zur bäuerlichen Wirtschaft gehört, Raum unter einem einzigen Dache und bei ursprünglich nur einer Feuerstelle geschaffen ist. Der Grundriß hat die Form eines länglichen Vierecks. Nähern wir uns einem der ganz alten Häuser, wie sie in dem westfälischen, besonders in dem osnabrückischen Teile unseres Gebietes noch vereinzelt vorkommen, so fällt uns das hohe Strohdach auf, das sich von der langgestreckten First nach den beiden niedrigen Langwänden zu gleichmäßig herabsenkt. Der Vordergiebel ist gleichfalls mit Stroh verkleidet und bildet einen flach gewölbten Walm an seinem oberen Ende, unterbrochen durch eine dreieckige Öffnung, die von zwei gekreuzten Brettern, den »Windfedern«, umrahmt wird (ähnlich auf [Abb. 24]); sie sollen das Strohgeflecht gegen den Sturm schützen, der es sonst zerzausen würde. Sie haben als Schmuck meist die nach außen schauenden geschnitzten Pferdeköpfe oder einen senkrecht stehenden verzierten Stab.

Wir betreten das Haus durch die in der Mitte der vorderen Schmalseite befindliche Einfahrtstür. Sie ist breit und hoch genug, um einen voll beladenen Erntewagen hereinzulassen. Sie führt uns auf die gepflasterte oder mit gestampftem Estrich versehene Diele, auf der allerhand Geräte, Häcksel, Grünfutter und dergleichen herumliegen ([Abb. 25]). Hund und Hühner, junge Schweinchen und kleine Kinder tummeln sich hier und gehen durch das weit geöffnete Tor aus und ein. Von links schauen über ihre Krippen die Kühe, von rechts die Pferde herein. Denn von den Ställen ist die Diele nicht durch Wände getrennt, sondern durch die eichenen Ständer, die allein, ohne Mithilfe der Außenwände, das Dach tragen. Da die Ställe nicht zum Dache hinaufreichen, ist über ihnen noch die Hille, ein schräger Raum, verfügbar, der von der Diele auf Leitern erstiegen wird. Oft bleibt er offen und dient als Lagerstätte für Holz, Heu, Futter oder kleinere Geräte; oft ist er auch durch eine leichte Wand verschlossen, hinter der sich dann einzelne Kammern befinden. Auch die Diele selbst reicht nicht bis zum Dach. Doch ist der Bretterboden, der sie nach oben abschließt, viel höher als der über den Ställen. Durch die Luken dieses Bodens werden vom Erntewagen aus die Garben und Heubündel nach oben gereicht, durch dieselben Luken wirft man sie im Bedarfsfalle wieder herab. Am Ende der Diele befindet sich der Herd, bei ihm die Küche, die sich quer durch das Gebäude bis zu den beiden Langseiten des Hauses fortsetzt und hier zwei schmale Türen nach dem Hofe hat. Über dem Herde hängen Würste, Schinken und Speckseiten am »Wiem« ([Abb. 27]). Ganz am Ende, mit den Fenstern nach der rückwärtigen Schmalseite hingewendet, liegen zu ebener Erde die Wohnräume, meist eine Stube und zwei Kammern.

Abb. 48. Das Rathaus in Einbeck.
Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite [76].)

Das ganze Gebäude ist in Fachwerk aufgeführt. Das Gebälke ist eichen. Die Füllung der Fächer besteht aus grobem Flechtwerk, das mit Lehm überstrichen ist ([Abb. 26]).

Erwähnen wir noch, daß ein Schornstein nicht vorhanden ist, daß der Rauch vielmehr durch die offene Tür und das Loch im Giebel entweicht, so haben wir wohl die Haupteigentümlichkeiten der ältesten noch vorhandenen Hausform erschöpft.

Diese ist indessen äußerst selten geworden, obgleich nach Justus Möser kein Vitruv imstande wäre, mehr Vorteile zu vereinigen. Neubauten werden in dieser Weise nicht mehr aufgeführt. Aber auch manches alte Haus hat sich Umgestaltungen gefallen lassen müssen, Abänderungen auch die Baupläne späterer, in den letzten Jahrzehnten errichtete Häuser, so daß die in unseren Tagen erstehenden ländlichen Wohnstätten mit den alten Bauüberlieferungen entweder nur einen lockeren Zusammenhang wahren oder auch diesen bewußtermaßen aufgeben.

Abb. 49. Eickesches Haus in Einbeck.
Nach einer Photographie von Prof. W. Nürnberg in Hannover. (Zu Seite [76].)

Ehe wir aber über dieses Schwinden eines Stückes heimischer Eigenart klagen und etwa in die Vorwürfe einstimmen, die man geneigt ist den Bauern zu machen, weil sie das schöne niedersächsische Landschaftsbild durch Errichtung charakterloser Nützlichkeitsbauten verunzieren, wollen wir uns klar werden, daß auch jenes älteste Haus, wie wir es vor unserem inneren Auge erstehen ließen, schon seine Geschichte hinter sich hat und an die Stelle noch älterer Gebilde getreten ist. Als unsere Vorfahren etwa im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung sich zur Gründung fester Wohnsitze in größerem Umfang entschlossen, haben sie vermutlich das Zelt als Muster für das Haus genommen. Jenes aber hatte noch keine Längswände, und so wird auch vermutlich das erste Haus — ähnlich den Schafställen der Lüneburger Heide — nur aus einem bis zur Erde reichenden Dach und zwei Giebelwänden bestanden haben. Allmählich nötigte die Erweiterung des Raumes dazu, Ständer im Innern anzubringen, die das Dach stützten und später ganz und gar trugen ([Abb. 25]): aus dem einschiffigen wurde der dreischiffige Bau. Jetzt erst konnten die Seitenschiffe eigene Außenwände erhalten. Zugleich wurden sie konstruktiv vom Mittelbau losgelöst, indem sie eigene, leichtere Dachsparren erhielten. Nun ward, wie es scheint, die Teilung des Raumes eine feststehende: die Seitenschiffe gehörten dem Vieh, der Mittelraum blieb frei für menschliche Arbeit und Erholung, oben lagerten die Vorräte. Die Ständer aber gewannen eine solche Bedeutung, daß nach der Zahl der von ihnen gebildeten Abteilungen, der »Fächer«, die Häuser in Klassen eingeteilt wurden.