Inhalt.

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I.Einleitung[3]
II.Der geologische Bau des Weserberglandes und des Teutoburger Waldes. Von Dr. H. Stille[5]
III.Klima und Gewässer[19]
IV.Der Wald[27]
V.Bäuerliche Verhältnisse[35]
VI.Geschichtliches[56]
VII.Die Weser von Münden bis Herstelle. Dransfelder Höhenland und Reinhardswald[63]
VIII.Solling, Homburg und Vogler[74]
IX.Die Weser von Herstelle bis Hameln[78]
X.Die Hilsmulde[84]
XI.Osterwald, Deister und Bückeburg[89]
XII.Von Hameln nach Osnabrück. Süntel, Weserkette und Wiehengebirge[94]
XIII.Osning, Teutoburger Wald und Egge[110]
XIV.Zwischen Teutoburger Wald und Weser[119]
Literatur[125]
Verzeichnis der Abbildungen[126]
Register[128]
[Karte] des Weserberglandes und des Teutoburger Waldes.

Abb. 1. Das Hermannsdenkmal im Morgennebel.
Verlag der Hinrichs'schen Hofbuchhandlung (H. Knöner) in Detmold. (Zu Seite [116].)

I. Einleitung.

Dieses Buch soll meiner Heimat gehören. Auf einem Hügel, der das breite, wie ein ausgetrockneter See daliegende Wesertal überblickt, dort, wo die Ufer den Strom vor seinem Scheiden aus der bergigen Umgebung zum letzten Male mit allen ihren Reizen umkränzen, stand meiner Eltern Haus. Dort empfing der kleine Knabe, der einst die Unterhaltung der Erwachsenen über die Schönheit der Gegend belauschte, auf sein Eingeständnis: »Ich weiß wohl, was eine Gegend ist; aber was eine schöne Gegend ist, das verstehe ich nicht«, eine für sein Alter ausreichende Erklärung mit dem Hinweis auf die weite Fernsicht vom Altan des väterlichen Hauses. Später ging ihm das Verständnis für andere Reize seines Heimatgaues auf. Auf Spaziergängen durch den Buchenhochwald hob sich der Blick von dem Boden, wo süße Beeren lockten, zu den Domgewölben der hohen Wipfel empor, und die Obstbaumpflanzungen, in denen manches der benachbarten Dörfer sich schier versteckte, erfreuten nicht nur im Sommer und Herbst den Gaumen mit ihren süßen Gaben, sondern auch im Frühling das Auge mit der weißen Pracht ihrer Blüten. Ein anregender erdkundlicher Unterricht lehrte die Silhouette der bläulichen Weserkette, die sich in rhythmisch bewegter Wellenlinie in die Ferne schwingt, und die in dem Teutoburger Walde drüben ihr ebenbürtiges Gegenstück hat, als bewunderswerten Zug des heimischen Landschaftsbildes erfassen und die ehrwürdigen Reste einstiger Ritterburgen, Stadtbefestigungen und sonstiger baulichen Zeugen der Vergangenheit mit frommer Scheu betrachten, während an schulfreien Tagen sich jugendlicher Wander- und Wagemut von hohen Kuppen, schroffen Klippen und dunklen Höhlen angezogen fühlte. Die ersten Reisen aber trugen dem Jüngling die Erfahrung ein, daß weder jene farbenprächtigen Volkstrachten noch jene behaglichen Gehöfte, in denen sich der bäuerliche Wohlstand Westfalens und Lippes zeigte, und die er als etwas Selbstverständliches hingenommen hatte, in gleicher Weise in anderen Gegenden wiederkehrten, und diese Erkenntnis erfüllte ihn mit frohem Stolze.

Jene Zeiten, in denen sich so die Vorstellung der Heimat als eines eigenartigen Stückes Erde und die Liebe zu eben diesem Teile deutschen Bodens gleichzeitig mit dem Menschen selber, mit seinen körperlichen und geistigen Kräften, entwickelte, liegen lange hinter mir. Aber auch in den späteren Jahrzehnten hat mich zwischen manchen Reisen in andere Gebiete deutschen und außerdeutschen Landes doch die Wanderlust wieder und wieder nach der roten Erde und an die Gestade des freundlichen Stromes geführt; trotz aller großartigeren Eindrücke erhabenerer Natur habe ich mich dem Zauber jener idyllischen Mittelgebirgslandschaften nie zu entziehen vermocht, sei es daß junges Buchengrün die kindlichen Hügelformen zart umkleidete, sei es daß bei Julisonnenschein der Segen der Felder seine goldenen Wogen im leichten Winde fluten ließ, mochte der Bergwald in prächtigem, gelbbraunem Herbstschmuck dastehen, oder mochten die hochstämmigen Fichten von bärtigem Rauhfrost behängt sein. Freilich liegt in dieser Vorliebe eines einzelnen für eine Landschaft, zumal wenn sie die Stätte seiner Knabenspiele gewesen ist, noch kein Beweis dafür, daß sie auch des Interesses anderer wert sei. Der Gefahr aber, daß die Heimatliebe zum »Lokalpatriotismus« werde — ein häßliches Wort! — entgehen wir am besten, wenn wir uns bemühen die wirklichen Verhältnisse zu erkennen, wenn wir die Natur der einzelnen Bergzüge und Täler, ihr Alter und ihr Werden zu verstehen suchen, wenn wir das organische Leben in seiner Abhängigkeit von Bodengestalt, Bewässerung und Klima betrachten und wenn wir endlich das menschliche Leben der Vergangenheit und der Gegenwart in seiner Bedingtheit durch die Summe aller jener natürlichen Voraussetzungen studieren. Dieser Aufgabe ist das vorliegende Buch gewidmet, wenigstens in erster Linie. Mag es daneben auch dem Zwecke dienen, das Interesse der Reisenden auf jene Gegenden zu lenken. In diesem Sinne möchte ich mich dem Rinteler Gymnasiallehrer Ludwig Boclo anschließen, der im Jahre 1844 einen »Begleiter auf dem Weserdampfschiffe« herausgab und bereits damals klagte, daß die Schnelligkeit des Reisens »in der neuesten Zeit« leider der Götze geworden sei, welchem jede Gemütlichkeit, jeder Naturgenuß, jede ruhige Auffassung und Beschauung geopfert werde. »Eine große innige Freude,« schreibt er, »würde es dem Unterzeichneten (welcher die körperlich-psychische und gemütlich erweckende und wiederbelebende Kraft des Reisens seit 40 Jahren an sich und anderen erfahren hat) gewähren, wenn er bei recht vielen das Verlangen erregen und das vorhandene noch steigern sollte, eine der deutschesten Gegenden des gemeinsamen Vaterlandes auf eine so anmutige Weise« (d. h. zu Schiffe) »kennen zu lernen.« Diese Worte wurden in einer Zeit geschrieben, in welcher die landschaftlichen Schönheiten jenes westfälisch-niedersächsischen Grenzgebietes noch nicht lange zuvor entdeckt worden waren. Im Jahre 1835 hatte George Osterwald seine »Gallerie von Weseransichten« und F. C. Th. Piderit seine »Geschichtlichen Wanderungen durch das Wesertal« in Rinteln erscheinen lassen.

Am Anfang der Pideritschen Schrift stand als Gruß an den Leser anonym Franz Dingelstedts später so bekannt gewordenes Gedicht, das mit der Strophe beginnt: