§. Abb. 72. Schloß Hämelschenburg bei Hameln. (Zu Seite [98].)

Wir schreiten zum Tanzwerder, der wegen Hochwassergefahr unbebaut gebliebenen äußersten Ecke des Anschwemmungsdeltas zwischen Werra und Fulda, also sozusagen der Geburtsstätte der Weser. Hier steht der Weserstein, leider! War es nötig, der Weser ein Denkmal zu errichten? bedurfte es wirklich einer »Verschönerung« der Landschaft durch Verse? und mußten diese gar in Stein gemeißelt werden als ein »monumentum aere perennius«? Wir besteigen den geräumigen und bequemen Dampfer »Kaiser Wilhelm« und fahren, durch das regelmäßig einförmige Stampfen der Räder in süßes Träumen gewiegt, behaglich dahin und lassen die traulichen Bilder der grünen Ufer an unseren Blicken vorübergleiten. Wir werden gut tun, aus unserem Gedächtnis alle Erinnerungen an eine etwa früher unternommene Donau- oder Rheinfahrt zu verbannen; wir wollen nicht vergleichen, nicht die Lieblichkeit der einen Landschaft an der Großartigkeit der anderen messen, sondern unbefangen genießen. Daran wird uns auch nicht ein vielsprachiges Gewimmel von hastigen Reisenden stören. Unser Schiff trägt außer den Landleuten der Ufergegenden zumeist anspruchslose Touristen aus Nordwest- und Mitteldeutschland. Gelegentlich bemerkt man unter ihnen einige holländische Vergnügungsreisende. Weit zurück liegt die Zeit, wo auf diesen Fluten der erste Dampfer fuhr; es war der erste Dampfer überhaupt. Sein Erbauer war der gelehrte Hugenotte Dionysius Papin aus Blois, seit 1687 Professor der Physik in Marburg. Von Cassel aus fuhr er auf dem von ihm ersonnenen Beförderungsmittel die Fulda hinab, um England damit zu erreichen. Doch schon in Münden zerschlugen die neidischen Mitglieder der privilegierten Schiffergilde das Teufelsfahrzeug. Seit jenem unglückseligen Septembertage des Jahres 1707 verstrichen über 111 Jahre, bis der nächste Dampfer — er hieß »Herzog von Cambridge« — vom 9. bis zum 20. März 1819 die Fahrt von Bremen nach Münden machte; doch erwies sich die Maschine als zu schwach, das Fahrwasser als zu schwierig, und so wurden die Fahrten nicht fortgesetzt. Erst im Jahre 1843 fuhren wieder Dampfer auf der Oberweser, und seit 1844 unterhielt die »Vereinigte Weserdampfschiffahrtsgesellschaft« mit dem in Paris gebauten »Hermann« und dem bald folgenden »Wittekind« regelmäßige Fahrten. Die jetzige Personenschiffahrt betreibt zwischen Münden und Hameln die Wesermühlen-Aktiengesellschaft zu Hameln mit fünf stattlichen Schiffen, die im Jahre 1908 rund 112000 Passagiere befördert haben (im Jahre 1905 etwa 60000).

Abb. 73. Kapelle beim Armenhaus Wangelist (Hameln).
Nach einer Photographie von H. Blesius in Hameln. (Zu Seite [98].)

Von Münden bis Carlshafen.

Das Wesertal ist von Münden bis Carlshafen-Herstelle eng und wenig besiedelt. Der Strom fließt im Buntsandstein, einer alten Verwerfungsspalte dieses Gesteines folgend. Durch jahrtausendelanges Nagen hat sich das Flußbett derartig vertieft, daß die bewaldeten Höhen rechts und links — dort Blümer Berg ([Abb. 16]), Bramwald, Kiffing, hier Reinhardswald genannt — die Talsohle vielfach bis zu 230 m überragen. Die Schichten dieser Berge fallen beiderseits nach der vom Strome abgewendeten Seite ein; die Wasserscheiden liegen nahe dem Fluß, die Hänge sind schroff, die Täler meist kurz und steil. Nur rechts sind Schede, Nieme und Schwülme größere Bäche, die, dem Hinterlande jener grünen Berge, nämlich der Senke zwischen Buntsandstein und Muschelkalk entsprungen, den letzteren in hübschen Tälchen durchnagt haben. Verzichten müssen wir auf die Aufzählung all der schmucken Dörfer, deren Jugend die Ankunft unseres Schiffes an und noch lieber in dem Wasser erwartet, während die überall zahlreich vorhandenen Gänse unter lautem Protestgeschnatter in vornehmem Zuge das Flußbett verlassen. Im allgemeinen bildet die Weser hier die Grenze zwischen Hannover und Hessen. Doch greift dieses auch aufs rechte Ufer über. Die Bevölkerung aber ist auf beiden Seiten niederdeutsch.

Abb. 74. Rinteln gegen den Taubenberg. Nach einer Photographie des dortigen Verschönerungs-Vereins. (Zu Seite [99].)

Links liegt der Flecken Veckerhagen (1500 Einwohner), der seine jetzt noch bestehende kleine Tonindustrie und die Fabrik von Casseler Braun (Umbra) ebenso wie die von 1666 bis 1903 betriebene Eisenhütte benachbarten tertiären Bodenschätzen verdankt. Das gegenüberliegende Hemeln ist aus einem alten karolingischen Reichshof hervorgegangen, der wie so oft unter einer alten Volksburg angelegt worden war. Den späteren Wohnsitz ihres adligen Gebieters werden wir in der Bramburg zu erkennen haben, deren Ruine rechts aus dem Walde düster emporragt; sie gehörte später den Herren von Stockhausen und wurde wegen deren Räubereien im fünfzehnten Jahrhundert zweimal von den braunschweigischen Landesherren zerstört. Die Domänen Hilwartshausen und Bursfelde sind ehemalige Klöster; letzteres liegt auf dem Geröllkegel der Nieme ([Abb. 40] u. [41]). Kirchengeschichtlich ist es bekannt als Ursprungsort der Bursfelder Kongregation, eines im fünfzehnten Jahrhundert gestifteten Verbandes von Benediktinerklöstern zur Erhaltung der kirchlichen Zucht, kunstgeschichtlich durch seine schöne im Jahre 1903 wieder hergestellte romanische Basilika. In dem erweiterten Tale beim Einfluß der Schwülme haben die Flecken Lippoldsberg (900 Einwohner) mit schönem alten Kloster und Bodenfelde mit kleinem Umschlagsplatz (vergl. Seite [34]) einige Bedeutung. Ein besonderes Interesse beanspruchen die Hugenottenkolonien Gottestreu und Gewissenruh. Sie sind ungefähr gleichzeitig mit Carlshafen um 1700 entstanden, als Landgraf Karl von Hessen die nach Aufhebung des Edikts von Nantes vertriebenen Glaubensgenossen der wirtschaftlichen Hebung seines Landes dienstbar zu machen suchte. In Gewissenruh wurden zwölf Familien angesiedelt, von denen jede einen Streifen Waldland zur Urbarmachung erhielt (vergl. Seite [44]). Französische Inschriften an den Häusern und dem kleinen Kirchlein[5], französische Familiennamen wie Jouvenal, Don, Héritier, Volle, Seguin (sprich: Zeckink) und einige schwarzäugige und dunkelhaarige Köpfe sind die einzigen Reste fremden Wesens in dem Dörflein ([Abb. 42]).