VIII. Solling, Homburg und Vogler.
Ähnlichen Charakter wie der Bramwald und der Reinhardswald zeigt auch der Solling, jene große Buntsandstein-Ellipse, die nach Einmündung der Schwülme in die Weser dem Hauptstrom die westliche Richtung seines Nebenflusses aufzwingt. Es fehlen hier jedoch die basaltischen Durchbrüche, wenn wir nicht die von der Schwülme an drei Seiten umflossene Berggruppe, die in der 461 m hohen Bramburg gipfelt, noch zum Solling rechnen wollen. Die Bramburg ist die nördlichste ausgebildete Kuppe aus Basalt Deutschlands überhaupt. Die Brüche dort oben sind mit maschinellen Hilfsmitteln allerart ausgestattet. Sie sind die bedeutendsten in der Gegend und haben den Gipfel des Berges, der eine prachtvolle Fernsicht gewährt, bereits völlig umgestaltet. Der leitende Ingenieur und eine Anzahl Arbeiter wohnen oben, andere in den benachbarten Ortschaften. Bei der Gewinnung der Steine kommt es vor allem darauf an, das eben gebrochene Material schnell hinter Strohwänden oder unter Schuppen zu bergen und möglichst bald zu verarbeiten. Solange es nämlich noch frisch ist, läßt es sich leicht spalten und zu rechteckigen Klötzen behauen; sobald aber die Sonne es beschienen hat, zerspringt es unter dem Hammer zu unregelmäßigen Stücken, und statt der Pflastersteine ist nur Schotter zu gewinnen. So kostet oft ein unerwarteter Sonnenschein, vor dem frisch gebrochene Steine nicht mehr gerettet werden konnten, dem Werke eine Menge Geld. Die Ursache des »Verbrennens« der Steine ist noch nicht einwandfrei festgestellt. Am Südfuße der Bramburg liegt der uralte Flecken Adelebsen (1500 Einwohner), in dem die Adelsfamilie gleichen Namens ihr Stammschloß mit einem ungeheuren Bergfried hat. Am Nordfuß ist Volpriehausen zwar ein altes Dorf, aber ein ganz junger Industrieplatz. Abgesehen davon, daß es die Bahnstation für die Bramburgbrüche ist (eine Betriebsbahn verbindet diese damit), verdankt es seine Bedeutung dem großen Kaliwerk, das aus Tiefen von 400 bis 600 m jenes für die Landwirtschaft so wichtige Mineral zugleich mit reinem Steinsalz heraufbefördert. Als Betriebsmittel dient die in der Nähe bei Delliehausen gewonnene Braunkohle; doch ist deren Lager nahezu erschöpft.
§. Abb. 79. Schloß Varenholz. (Zu Seite [101].)
Der Solling.
Der Solling bietet an seinen Rändern meist keinen reizvollen Anblick, da er sich allmählich erhebt und die Äcker weit an seinen Hängen emporsteigen. Nur bei Carlshafen und Fürstenberg hat die Weser ihn angenagt, so daß der Dampfer dicht unter steilen Felsen dahingleitet. Von den bisher besprochenen Buntsandsteingebieten unterscheidet sich der Solling durch eine größere Ausdehnung und seine annähernd kreisrunde Form. Da die Schichten des Gesteins horizontal liegen, so ist der Abfluß von der Mitte der Hochfläche erschwert, und es bilden sich Hochmoore wie am Moosberg, der wohl daher seinen Namen hat. Strahlenförmig fließen nach allen Seiten Bäche, die sich ziemlich enge, allmählich tiefer werdende, landschaftlich recht reizvolle Wiesentäler nach den Rändern der Hochfläche hin genagt haben; von jenen fließt die Ilme zur Leine, die Aale zur Schwülme, die Rottmünde und die Holzminde zur Weser. Die zwischen den Tälern stehen gebliebenen breiten Rücken haben annähernd gleiche Höhe und wachsen für das Auge eines ferner stehenden Beschauers zu einer einzigen Ebene zusammen. Auch die Gipfel, unter denen die Große Blöße mit 528 m der höchste Berg zwischen Harz und Sauerland ist, überragen die Fläche so wenig, daß vor der Herausgabe der preußischen Meßtischblätter stets der Moosberg (513 m) als die bedeutendste Kuppe des Gebirges, als der König des Sollings, genannt wurde. So haben also preußische Offiziere diesen König entthront. Die Silhouette des Sollings erscheint unter diesen Umständen außerordentlich einförmig. Was das Gebirge reizvoll macht, das ist der stundenlang ununterbrochene Wald ([Abb. 18], [20] u. [21]). Berühmt sind außer vereinzelten Prachteichen auch einige um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts angepflanzte Eichenalleen. Im übrigen aber ist der Wald — jetzt vielfach Fichtenbestand — ein Ergebnis der neueren verständigen Forstkultur (Seite [30] ff.).
An Siedelungen ist das Innere des Gebirges arm. Daß deren früher mehr vorhanden waren, beweisen die Kirchenruinen, wie wir deren im Schwülmetale bei Adelebsen und in der Wüstung Friewohle unweit Volpriehausen zwei noch stattliche finden, während sich an anderen Stellen nur eben die Grundmauern unter Laub und Gras erkennen lassen. Dagegen ist das Gebirge mit einem Kranz von Dörfern und Städten umgeben. Carlshafen, Adelebsen und Volpriehausen haben wir bereits erwähnt. An der Bahnstrecke Ottbergen-Northeim, welche einer alten Handelsstraße zum Harze folgt, liegt noch Uslar (2500 Einwohner) inmitten fruchtbaren Getreide- und Rübenbodens mit Eisenhütte, Obstweinfabrikation und Teppichweberei und Hardegsen (1300 Einwohner) am Durchbruch des Flüßchens Espolde durch den öden Muschelkalkzug der Weper, überragt von dem hohen, düsteren »Mushaus«, dem Überrest einer sehr alten, zeitweilig den Braunschweiger Herzögen gehörigen Burg. Baulich interessant sind noch das alte Schloß Nienover bei Bodenfelde und die romanische Basilika des Klosters Fredelsloh.
Einbeck.
Nordöstlich vom Solling und von ihm getrennt durch den Bergzug, der die Ruine der alten ehemaligen Welfenburg Grubenhagen trägt (293 m), liegt am Rande einer fruchtbaren Keuper- und Liasmulde die einstige Hansastadt Einbeck (8700 Einwohner), von alters her berühmt durch ihre Leinweberei und noch mehr durch das Bier, von dem schon Herzog Erich I. von Calenberg auf dem Wormser Reichstage Luthern eine Kanne spendete. Die Brauerei nimmt neben anderen Gewerbezweigen, z. B. der Zuckerfabrikation und der Fahrradindustrie, noch immer eine Hauptstelle in der Arbeit der Bewohner ein und liefert besonders pasteurisiertes Flaschenbier zur Ausfuhr in die Tropen. Bedeutende Kirchen, ein stattliches Rathaus und schöne geschnitzte Holzhäuser aus der Renaissancezeit bezeugen die ehemalige Blüte der Stadt ([Abb. 48] u. [49]). Während Einbeck früher an der Kreuzung zweier bedeutender Straßen lag, nämlich der von Göttingen nach Hannover, welche an dieser Stelle das enge, feuchte Leinetal vermied, und der zur Weser bei Bodenwerder, wird es jetzt von der durchgehenden Bahnlinie nicht berührt. Es liegt an einer Seitenbahn, die im Ilmetal aufwärts bis zu dem Städtchen Dassel (1500 Einwohner) führt. Daß dieses einst der Sitz eines mächtigen Grafengeschlechtes war — man denke an Ludolf, den Kanzler des Rotbarts —, ist an sichtbaren Spuren nicht mehr zu erkennen. Interessanter ist das benachbarte von Herzog Erich I. von Calenberg 1530 erbaute Schloß Erichsburg.
Nördlich davon liegt Stadtoldendorf, ein braunschweigisches Städtchen von 3500 Einwohnern, Station der Bahn Kreiensen-Holzminden (Berlin-Cöln). Der Zechstein birgt hier, besonders nach der benachbarten Homburg zu, einen mächtigen Gipsstock, der in mehreren Brüchen ausgebeutet wird. In einigen Fabriken werden daher Gipsdielen hergestellt.