IX. Die Weser von Herstelle bis Hameln.
Das Wesertal.
Unterhalb Carlshafens, bei Herstelle, verläßt die Weser das reine Buntsandsteingebiet und tritt durch das von den hannoverschen Klippen rechts, von den hessischen Klippen und ihrer westlichen Fortsetzung links gebildete Tor in den zweiten der Seite [24] u. [25] genannten Talabschnitte hinaus. Der Eindruck der offenen Landschaft wird abgesehen von der größeren Entfernung der Talwände auch durch deren Lücken hervorgerufen, die sich an den Mündungen der Zuflüsse befinden, aber zu der Bedeutung von Wässerchen wie die Nethe, die Holzminde, der rechtsseitige Bever- und der Forstbach in keinem Verhältnis stehen. Den Gegensatz zwischen den beiden jüngsten Gliedern der Trias, die unser Tal scheidet, haben wir reiche Gelegenheit zu beobachten. Sanft erhebt sich rechts der Solling; weit steigen die Felder an seinen Hängen hinauf, so daß von dem Walde vielfach nur ein Streifen zu sehen ist und die Gipfelhöhe des Sandsteingebirges unterschätzt wird. Links fällt das Höxtersche Höhenland steil ab. Im Gegensatz zu der abgerundeten Form der Gehänge, die wir am Reinhardswalde beobachtet haben, bildet der Muschelkalk winklige Abstürze, deren steilste Stelle oben am Rande des Plateaus liegt, während unten stellenweise aufgehäufte Schuttkegel die Steilheit mildern. Diese Form des Bergprofils wiederholt sich bei allen Vorsprüngen der Hochfläche, die sich kulissenartig voreinander schieben, und erinnert trotz der kleineren Verhältnisse an den Nordrand der Schwäbischen Alb ([Abb. 55]). Als Grund dieser Erscheinung haben wir die Tatsache anzusehen, daß beim Sandstein mehr die mechanischen, beim Kalk mehr die chemischen Kräfte des Wassers abtragend gewirkt haben. Dieses führt den Kalk gelöst oder in so kleinen Teilchen zu Tale, daß an der Böschung selbst fast nichts liegen bleibt, während sich der aus dem Sandstein losgerissene Schutt überall da ablagert, wo das schwächere Gefälle die lebendige Kraft des Wassers mindert.
§. Abb. 82. Der Hohenstein gegen den Süntel. (Zu Seite [28] u. [102].)
An Siedelungen werden wir zuerst rechts das hannoversche Dorf Lauenförde, links die westfälische Stadt Beverungen an der Bever (2400 Einwohner) bemerken, das früher von Herstelle aus nur mit einem Umweg über das rechte Ufer erreichbar war, während seit den vierziger Jahren die seinerzeit viel bewunderte und auch jetzt noch schöne Bremer Straße oben am Berge dorthin führt ([Abb. 50]). Ferner erwähnen wir links das Schlößchen Blankenau und das Dorf Wehrden mit stattlichem Edelsitz ([Abb. 51]). Aber schon von ferne ragt uns rechts auf hohem Sandsteinfels das Dorf und das ehemalige Schloß Fürstenberg (180 m) entgegen ([Abb. 52]). In seinen älteren Erinnerungen auf die Grafen von Dassel und Everstein zurückgehend, interessiert es uns erst von dem Zeitpunkt an, wo Herzog Karl von Braunschweig-Wolfenbüttel, ergriffen von dem um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts herrschenden Porzellanfieber, durch den der Höchster Fabrik abspenstig gemachten »Arkanisten« Benckgraff die Fabrikation jener edlen Topfware hier einführte. Die Fabrik, seit 1853 in Privatbesitz, hat sich im vorigen Jahrhundert lange Zeit hindurch auf die Herstellung kunstloser Massenartikel beschränkt, arbeitet aber neuerdings wieder nach den aus den letzten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts stammenden Modellen, die zum Teil einen hohen Kunstwert besitzen.
§. Abb. 83. Turm der Schaumburg gegen die Paschenburg. (Zu Seite [102].)
Läßt es sich ermöglichen, so werden wir in Fürstenberg einen kurzen Aufenthalt machen und uns an der Aussicht erfreuen, die wir von den Terrassen der Gasthäuser auf die Täler der Weser und Nethe genießen können. Bald ist dann auch das freundliche Höxter nebst dem nahen Corvey erreicht.