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Erstes Buch. Allgemeine Psychiatrie.
I.Einleitung[1]
II.Geschichtlicher Überblick[3]
III.Ursachen der Geistesstörungen[5]
1. Persönliche Veranlagung[5]
2. Allgemeine Veranlagung[9]
3. Äußere Ursachen[11]
IV.Pathologische Anatomie und Chemie[15]
V.Die allgemeinen Erscheinungen der Geisteskrankheiten[17]
1. Störungen der Wahrnehmung[18]
2. Störungen der Verstandestätigkeit[24]
3. Störungen der Gefühlsvorgänge. Krankhafte Affekte und Stimmungen[33]
4. Störungen des Wollens und Handelns[36]
VI.Die allgemeinen körperlichen Erscheinungen bei Geisteskrankheiten[41]
VII.Die Untersuchung der Geisteskranken[45]
VIII.Verlauf und Ausgänge der Geisteskrankheiten[49]
IX.Die Verhütung der Geisteskrankheiten[52]
X.Allgemeine Behandlung der Geisteskranken[55]
XI.Rechtliche Bedeutung der Geisteskrankheiten[68]
XII.Einteilung der Geisteskrankheiten[75]
Zweites Buch. Spezielle Psychiatrie.
I.Erschöpfungspsychosen[79]
1. Kollapsdelirium und Delirium acutum[79]
2. Akute Verwirrtheit, Amentia[80]
II.Infektionspsychosen[87]
III.Intoxikationspsychosen[92]
A. Vergiftungen durch Arznei und Genußmittel[92]
1. Alkoholismus[92]
Delirium tremens[96]
Die akute alkoholische Paranoia[100]
Der Eifersuchtswahn der Alkoholisten[101]
Die alkoholische Pseudoparalyse[102]
Ätiologie der Alkoholpsychosen[102]
2. Morphinismus[104]
3. Kokainismus[106]
B. Selbstvergiftungen des Körpers[107]
1. Thyreogene Psychosen[107]
2. Selbstvergiftungspsychosen[108]
IV.Neuropsychosen[109]
1. Neurasthenie, Hypochondrie[109]
2. Traumatische Depressionszustände, Unfallneurosen, Traumatische Neurosen, Schreckneurose[123]
3. Melancholie, Schwermut[127]
4. Hysterie[134]
1. Vorübergehende psychische Störungen[140]
2. Länger anhaltende Störungen[142]
5. Epilepsie[156]
Formen des epileptischen Anfalls[156]
Verlauf und Ausgänge[164]
6. Choreatisches Irresein[171]
V.Grenzzustände[172]
1. Einfache Gefühlsanomalien[176]
2. Zwangszustände, Phobien[177]
3. Abweichungen des Geschlechtsgefühls[181]
4. Abweichungen im Gebiete des Charakters, des Verstandes und der Phantasie[186]
5. Störungen des Handelns[188]
Behandlung der Grenzzustände[193]
VI.Degenerationspsychosen[197]
1. Paranoia, Verrücktheit[197]
2. Manisch-depressives Irresein (Manie, periodisches und zirkuläres Irresein)[207]
3. Dementia praecox, Jugendirresein[226]
a) Dementia simplex, der primäre konstitutionelle Schwachsinn[226]
b) Hebephrenie[227]
c) Katatonie[229]
VII.Organische Psychosen[239]
1. Dementia paralytica[239]
Vorläuferstadium[240]
Einleitungstadium[240]
Höhestadium der Krankheit[245]
Endstadium[253]
2. Psychosen bei Hirnsyphilis[261]
3. Arteriosklerotische Psychosen[263]
4. Dementia senilis, Altersblödsinn[267]
5. Idiotie und Imbezillität[268]

[Erstes Buch.]
Allgemeine Psychiatrie.

[I. Einleitung.]

Unter Psychiatrie versteht man die Lehre von den Geisteskrankheiten und ihrer Behandlung. Sie ist im Grunde ein Teil der inneren Medizin, denn die geistigen Vorgänge und ihre Störungen sind an ein Organ des Körpers, an das Gehirn, ebenso gebunden wie die wesentlich durch körperliche Zeichen sich äußernden Gehirnkrankheiten im engeren Sinne. Die Geisteskrankheiten nehmen aber insofern praktisch eine andere Stellung ein, als ihre Äußerungen sich vorzugsweise auf psychischem Gebiet abspielen, also nicht den gewöhnlichen Methoden der inneren Medizin zugänglich sind, und ferner dadurch, daß ihre Behandlung in vielen Fällen gerade wegen der Störung des geistigen Lebens ganz andere Vorkehrungen und die Trennung von den körperlich Kranken erfordert. Trotzdem muß die wissenschaftliche und menschliche Auffassung der Geistesstörungen streng daran festhalten, daß es sich dabei um Krankheiten handelt, die sich im Wesen nicht von anderen, körperlich greifbaren Leiden unterscheiden.

Nach den gehirnphysiologischen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte kann es keinem Zweifel unterliegen, daß die geistigen Vorgänge besonders an Teile und Veränderungen der Großhirnrinde gebunden sind. Insbesondere ist anzunehmen, daß die Hinterhauptwindungen der Gesichtswahrnehmung, die Schläfenwindungen der Gehörswahrnehmung, die Zentralwindungen und die Scheitellappen den Bewegungsvorstellungen (Erinnerungsbildern der Bewegungs-, Haut- und Muskelgefühle und ihrer Lokalisation) als Sitz dienen. Geschmack und Geruch, die für die geistigen Vorgänge von geringerer Bedeutung sind, verknüpfen sich mit Rindenfeldern der Gehirnbasis. Unzählige Assoziationsfasern verknüpfen die verschiedenen Gebiete und Schichten zu einem gemeinsamen Wirken als Organ der geistigen Vorgänge.

Von großer Wichtigkeit für die Theorie der normalen und der krankhaften Geistestätigkeiten ist jedenfalls das Sprachzentrum und seine Beschaffenheit, da sicher die meisten Menschen in Sprachvorstellungen denken. Hier gilt aber ganz besonders, was für die gesamte materielle Erklärung des Denkens und seiner Störungen nie außer acht gelassen werden sollte, daß es sich dabei immer nur um Theorien handelt, die bei aller Wahrscheinlichkeit und bei allem wissenschaftlichen Werte doch keine wirkliche Erklärung für das Beobachtete geben können. Die Psychiatrie als eine Wissenschaft bedarf dieser Aufstellungen und wird dadurch gefördert, die fortschreitende Erkenntnis der geistig kranken Menschen und ihrer Behandlung muß auch unabhängig davon durch klinische Beobachtung und durch reine Erfahrung herausgebildet werden.

Eine scharfe Grenze zwischen Geistesgesundheit und Geisteskrankheit gibt es ebensowenig wie zwischen den entsprechenden Körperzuständen. Wie niemals zwei Menschen körperlich völlig gleich sind, und wie kein Maß geschaffen werden kann, um jemand als körperlich normal zu erweisen, so sind auch bei möglichst gleicher geistiger Anlage und Ausbildung die größten Verschiedenheiten möglich. Was bei geistig Hochgebildeten als grobe Abweichung vom Normalen und als klaffende Lücke betrachtet werden muß, kann bei Ungebildeten als durchaus regelrecht erscheinen, und noch größer sind die Verschiedenheiten, wenn an Stelle des ruhigen Denkens die Affekte den Geist beherrschen. Man soll sich daher hüten, jede Abweichung von der bisherigen Erfahrung oder von dem Gewohnheitsbilde ohne weiteres als abnorm oder gar als krankhaft hinzustellen, auch wenn der erfahrene Beobachter geistiger Persönlichkeiten Anklänge an Krankhaftes wahrnimmt. Nur durch Mißbrauch solcher Beobachtungen wird man z. B. das Genie wegen seiner mannigfachen Eigentümlichkeiten dem Irren an die Seite stellen.