Entsetzt liefen wir hinzu: »Was ist denn? Was fehlt dir, Kind?«
»Uuhuhuhuu, ich freu' mich so – ich freu' mich so, uuhuhuhuuu!«
Solange sie um ihre Ziege gerungen hatte, hatte sie nie – das mußte man ihr lassen – hatte sie nie versucht, durch Tränen auf meine Stimmung zu drücken. Jetzt brach die aufgestaute Flut mit Allgewalt hervor.
Sobald sie sich beruhigt hatte, machte sie sich auf den Weg, um den Jungen mit der Fünfzehn-Groschen-Ziege zu suchen. Sie fand ihn auch, und er verpflichtete sich hoch und heilig, am folgenden Tage die Ziege zu liefern. Wenn die folgende Nacht ihr die Wiesen des Traumes zeigte, so waren sie gewiß alle, alle voll Ziegen.
Der folgende Tag kam, aber mit ihm kein Junge und keine Ziege. Sie harrte geduldig bis in den sinkenden Abend und sagte dann: »Na, er hat wohl keine Zeit gehabt: er kommt morgen gewiß; er hat es mir ganz fest versprochen.«
Allein der meineidige Bube kam auch am folgenden Tage nicht. Roswitha suchte ihn durchs ganze Dorf, viele Stunden lang, aber vergebens; nach seiner Wohnung hatte sie im Taumel der Freude nicht gefragt. Sie ging schweigend zu Bett; aber als meine Frau sie in der Frühe weckte, war ihr Kopfkissen naß von Tränen.
»Hast du heute nacht geweint, Kind?« fragte die Mutter.
»Ich weiß nicht,« antwortete Roswitha. Sie wußte es wirklich nicht.
Inzwischen war ein provisorischer Stall gezimmert worden, und es war die Nachricht eingetroffen, ein Bauer im Dorfe habe Ziegen zu verkaufen. Da zogen Herta, Roswitha und Männe mit einem Blockwagen aus, um eine Ziege zu suchen, und fanden ein Königreich. Eine gute halbe Stunde später – Männe als Läufer mit fliegender Zunge vorauf – hielt Höppli (so wurde er der Kürze wegen genannt), von den beiden Mädeln gezogen, im Triumphblockwagen seinen Einzug. Seinen Einzug; Höppli war nämlich ein kleiner Bock.
Ich muß gestehen, daß mich bald ein Reuegefühl über meine lange, hartnäckige Weigerung ergriff. Es war ein schneeweißes und wirklich allerliebstes Tierchen; Roswitha hängte ihm ein seit Jahren bereit gehaltenes, gesticktes Halsband mit einem Glöckchen um, und in seinen Sprüngen war der ganze, entzückend ahnungslose Humor eines jungen Mannes. Und wenn Roswitha das Tierlein auf den Schoß nahm und ihm die Saugflasche gab, und Männe die vorbeifließenden Tropfen leckte, dann versammelte sich nicht nur die ganze Familie zu dieser feierlichen Handlung, nein, die Leute auf der Straße blieben staunend stehen und riefen: »Nein, wie ist das reizend!« Dann sprang Roswithas Herz genau wie das Böcklein.