Fräulein Berg hatte zwar das Lehrerinnenexamen bestanden, sprach sich aber dagegen aus. Nach Prüfungen könne man nicht urteilen; die seien höchstens ein Beweis, daß das Handwerkszeug für ein Fach da sei, aber mehr besagten sie auch keinen Tipps.
Es entspann sich ein regelrechter Streit, in dem Auguste Berg mancherlei Brauchbares gesagt hätte, wenn es nicht so einseitig und animos herausgekommen wäre. Die Liecke, als »beste Schülerin«, vertrat den Standpunkt der Lehrer, Thea zitierte Struves mystische Worte und bewegte sich im übrigen in Gemeinplätzen über Freiheit, künstlerische Individualität und dergleichen mehr.
Julie wußte schließlich gar nicht mehr, daß sie es gewesen war, die diesen Kampf veranlaßt hatte; dagegen meinte sie, daß es nun Zeit sei, aufzustehen.
Fräulein Meusel mochte das gleiche empfinden und hob mit einem freundlichen Wort die Tafel auf.
Nun war Julie in ihrem Zimmer und packte ihre Koffer aus. Die Gespräche schwirrten noch in ihren Ohren, die Stimmen fuhren durcheinander, und die Gesichter wollten nicht weggehen. Was war das für eine künstliche Aufregung um alle möglichen Dinge, ein Hagel von Schlagworten und Standpunkten, ein Getue und Gehabe, ohne jeden ersichtlichen Grund!
Sie fragte sich plötzlich, warum sie eigentlich nach Berlin gekommen wäre? Onkel Wilhelm hatte ihr zugeredet. Draußen in der Heide würde sie ihr Leben nur verträumen, hatte er gesagt; sie würde zwar vielleicht allerhand innere Anregung finden, aber ihre Studien niemals über ein gewisses Maß hinausbringen können. Nun hatte allerdings Onkel Wilhelm keinen rechten Begriff von ihrer Arbeit. Einmal dachte er doch wohl insgeheim, daß sie es auf ein Examen absehe, und dann glaubte er auch, daß sie sich mit einem bestimmten Fach beschäftige. Aber sie hielt nun einmal nicht auf System. Sie las, machte sich Notizen, Auszüge, wurde zu neuer Lektüre angeregt und nahm diese vor. Es war nicht nur Philosophie, oder nur Literatur, oder nur Geschichte, was sie trieb, sondern von allem etwas. Die Auswahl, die sie traf, wurde durch ihr Gefühl bestimmt, nicht durch ein Ziel, dem sie zugestrebt hätte.
Denn der Zweck ihrer Arbeit war ja Genießen.
Obwohl Julie Onkel Wilhelm im Innersten nicht recht geben konnte, — denn sie lebte der Überzeugung, daß sie auf ihre Weise überall, auch in der Einsamkeit der Heide, arbeiten könne, — war sie doch klug genug, viele seiner Gründe anzuerkennen. Darum wollte sie den Versuch machen, ob der Aufenthalt in Berlin, die Berührung mit andersgearteten Menschen, die Anregung durch Theater und Vorträge nutzbringender für ihre Arbeit wäre als die Stille.
Sie hatte diesen Vorsatz gefaßt und wollte ihn ausführen; sie wollte sich durch nichts beirren lassen. Das wiederholte sie sich; und sie schien es nötig zu haben. Denn nebenan hörte man nun verworrenes Gespräch und ab und zu den Anfang einer Gesangsübung. So viel Ruhe wie zu Hause würde sie hier also nicht haben. Das stand fest. Übrigens zweifelte sie auch schon daran, daß sie von diesen Damen Anregung, geschweige denn inneren Nutzen haben würde. Vielleicht von Fräulein Berg; die schien jedenfalls ernsthaft zu arbeiten. Aber die beiden anderen waren wohl nur Dilettantinnen, die mit Künstlerallüren kokettierten. Immerhin, auch von ihnen wollte sie nehmen, was zu nehmen wäre.
So versuchte Julie also mit Eifer, sich die Straße vorzuzeichnen, die sie hier gehen wollte. Daß sie die wichtigsten Momente vergaß, jene Dinge, die an den Ecken jedes neuen Weges warteten, um andere Ausblicke zu öffnen und andere Ziele zu zeigen, das war kein Schaden.