Es ist eine alte Erfahrung, daß man die Lebensauffassung eines Menschen nach der Einrichtung der Räume, in denen er sich aufhält, richtiger beurteilen kann, als nach den Anschauungen, die er äußert. Die farbenreine Ateliereinrichtung eines unbemittelten Malers spricht eindringlicher von verfeinertem Lebensgenuß als die kunststrotzenden Prachträume reicher Mäcene. Und in den Bücherregalen, dem mit Manuskripten bedeckten Schreibtisch des Gelehrten wie in den einfachen alten Mahagonimöbeln eines Fürsten empfindet man mehr von aristokratischer Überlegenheit, als beide zu zeigen wagen.

Diese stumme Sprache der Dinge konnte auch mancherlei Wissenswertes über Wilhelm Craner und Tante Sophie erzählen, wenn man einen Gang durch das Eßzimmer machte.

Es war mit schwerer Pracht eingerichtet. Dunkle Ledertapeten mit blassem Gold machten den Raum feierlich: Das geschnitzte Büfett hatte etwas von einem Altarschrein, das Silber darauf erinnerte an heilige Gefäße. Und doch war es nicht der Eindruck des Luxus, den man bekam. Daß Wilhelm Craner reich war, wußte man. Man empfand vielmehr, daß, was hier geschah, mit dem Zeremoniell einer religiösen Handlung vor sich ging.

Die Beschäftigung des Essens und Trinkens geschah mit einer Art Andacht, nicht um der Kostbarkeit der Speisen willen, sondern aus Ehrfurcht vor häuslicher Sitte. Diese war das erste Gebot in Sophie Craners geregeltem Haushalt. Man verdankte ihm die Schulung des Dienstpersonals, die Ordnung der Wäscheschränke, die Blumen in den Vasen, aber wohl auch den Mangel an Stimmung.

Für Hellweges war es dort nichts.

Heute waren sie alle zum Essen da. »Damit man euch endlich mal wiedersieht,« wie Tante Sophie geschrieben hatte, in Wirklichkeit aber, weil vor drei Tagen ein sauber geschriebener Brief bei Wilhelm Craner eingetroffen war, der eine schöne Aufregung hervorgerufen hatte.

Die Mahlzeit verlief wie immer; ein paar Gespräche wurden begonnen, blieben wieder stecken, und das Schweigen wurde ebenso feierlich herumgetragen wie der Rehbraten. Julie zog ab und zu ein mokantes Lächeln auf, aber es paßte nicht recht her. Marianne natürlich aß.

In dem Augenblick, wo Onkel Wilhelm sein Wassernäpfchen beiseite schob, erhob sich die hübsche Französin und eine Sekunde später die kleine Rena; sie machte einen Knicks und verschwand an der Hand der Gouvernante. Nach weiteren zwei Minuten nickte Onkel Wilhelm seiner Frau zu, und man begab sich in die Halle. Eigentlich war es Brauch, die begonnene Unterhaltung hier fortzusetzen, aber heute geschah das Unerhörte, daß Onkel Wilhelm Agnes Elisabeth sogleich in sein Zimmer bat. Er schloß die Tür und bot ihr einen Sessel an. Dann nahm er einen Brief von seinem Schreibtisch und gab ihn ihr zu lesen. Während Agnes Elisabeth aufmerksam las, ging er im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er stehen und lachte kurz:

»Was sagst du dazu?«

Agnes Elisabeth blickte auf und zuckte die Schultern. Die ganze Sache war ihr mit einem Male so gleichgültig. Sie beobachtete einen dicken Spatz, der auf der Terrasse hin und her hüpfte und ab und zu mit weit offenem Schnabel piepste.