Mit wuchtigen Schritten eilte die Tragödie vorwärts. Niemand hörte mit so schmerzenden Ohren das Dröhnen des Schicksals wie Anton, der immer mehr in Ferdinand von Waller sein Ebenbild sah, und der ganz in der Lage und in den Umständen war, mitzuknirschen gegen den Verrat an seiner Liebe. „Bube! Wenn sie nicht rein mehr ist! Bube! Wenn du genossest, wo ich anbetete! schwelgtest, wo ich einen Gott mich fühlte! Dir wäre besser, Bube, du flöhest der Hölle zu, als daß dir mein Zorn im Himmel begegnete! Wie weit kamst du mit dem Mädchen? Bekenne!“

Ha, du geschniegelter Hofmarschall, oder nein, du pomadisierter und bisamduftiger Apothekerprovisor, jetzt geladene Pistolen und ein Schnupftuch zwischen dir und Anton, und du solltest Gott danken, Memme, daß du zum erstenmal etwas in deinen Hirnkasten kriegtest!

Fühlst du die brennenden Blicke, Babette Warmbüchler, welche aus dem dunklen Parterre hervor nach dir schießen, und weißt du, was du aus dem dort gemacht hast? Sie wußte es nicht und sie dachte an nichts dergleichen, sondern hing während der zermalmenden Geschehnisse ihre Gedanken an einen blauseidenen Gürtel, welchen ihr Herr Elfinger heute geschenkt hatte. Die anderen Mädchen im Saale stellten sich mit Luise vor Lady Milford hin und sagten ihr so gründlich die Meinung, wie sie ein anständiges Bürgerkind einem solchen Frauenzimmer sagen muß, wenn es um den Liebsten geht, aber Babette Warmbüchler dachte an einen blauseidenen Gürtel; und als der Vorhang fiel und es wieder hell im Saal wurde, rümpfte sie verächtlich die Nase über die weinenden Menschen und lachte zu Herrn Elfinger hinüber.

Verloren, ja! Unglückselige, du bist es.

Und der Jammer häufte sich im Lammbräusaale und akkompagnierte[266] den Musikus Miller, als er seiner Tochter die Schrecken des Selbstmordes malte, und hundert Herzen drängte es, dem rasenden Major die Wahrheit zu sagen über diesen unglückseligen Brief, und hundert Herzen baten Luise, doch endlich den aufgedrungenen Eid zu brechen. Doch sie schwieg. Und dann ging ein tiefer und langer Seufzer durch den Saal. Luise war tot. Gestorben an der vergifteten Limonade.

Zu spät, daß Ferdinand seinem Vater Flüche ins Antlitz schrie, zu spät, wie immer, daß die Polizei eingriff und den schurkischen Präsidenten und den noch gemeineren Sekretär Wurm verhaftete. Der Vorhang fiel.

Die Dürnbucher standen auf und verließen den Saal; jedoch der Lohgerber Weiß blieb noch sitzen, in Vernichtung, und rang nach Luft und verwischte mit seinem blaukarierten Schnupftuch alle Spuren seines Seelenkampfes und ging als der letzte hinaus. Die Zuschauer eilten durch den dunkeln Hausgang auf den Stadtplatz, wo sie aufatmend inne wurden, daß noch alles am rechten Platz stände, die Heimatstadt, ihre Wohltätigkeit und ihr Familienglück. Niemand bemerkte den Schlossergesellen Anton, der aus einer dunkeln Ecke das Tor überwachte und sah, wie der Apothekerprovisor der Jungfer Babette folgte und in eine Nebengasse bog.

Er schlich ihnen nach. Indessen schritt Furtner neben Trollmann und sagte, daß ihn die Dichtung doch in einem gewissen Banne gehalten habe. „Das schon,“ erwiderte Trollmann, „und ich verkenne durchaus nicht die Vorzüge dieses Werkes, aber die Leute sind nicht gebildet genug, um Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten. Es sind doch sehr starke Ausfälligkeiten darin.“

„Sie meinen den Hofmarschall Kalb?“

„Ich meine überhaupt die Prinzipien[267], und die Rolle, welche man den Herzog spielen läßt.“