Ich hätte Patsch nicht aufgegeben, wenn ihm nicht ein Malheur passiert wäre, an dem eine Schwäche von ihm schuld war, die ich längst erkannt hatte: seine Bremse taugte nicht viel. Es war so eine geistlose, platte Druckbremse, an der nichts bewundernswert war, als die Prätension, ein laufendes Rad zum Stehen bringen zu wollen. Also gut! Ich fuhr eines schönen Tages auf ihm am badischen Ufer des Untersees entlang, und zwar war die Situation so: ich kam aus einem Walde heraus, der hochgelegen war, und fuhr eine Weile planeben, wie mir schien; in Wahrheit aber fiel der Weg bereits ein wenig, was ich aber nicht bemerkte, weil ich eben eine Siziliane dichtete, eine Strophe, die italienischer Herkunft ist, weshalb sie immer zwei Reime mehr erfordert, als man im Deutschen leicht findet. Nun können Sie sich denken, daß man nicht zugleich Reime fangen und auf den Weg achtgeben kann, und mir war natürlich der Reim wichtiger, als der Weg — denn es gibt überhaupt nichts Wichtigeres auf der Welt als gute Reime. So kam es denn, daß ich, just als ich meinen Reim gefunden hatte, die Pedale verlor, weil es plötzlich in einem ganz unmöglichen Winkel bergab ging. Ich fühlte deutlich, wie Patsch von einem Todesschrecken durchrieselt wurde, als seine Pedale keine Leitung mehr fühlten und sich in einem wahnsinnigen Tempo wirbelig drehten, und ich selbst hatte auch die deutliche Empfindung, daß ich in wenigen Sekunden irgendwo in der Tiefe fragmentarisch anlangen würde. Also ultima ratio: die Bremse. Lächerliche Illusion! Zwar verbreitete sich augenblicks ein penetranter Geruch von heiß gewordenem Kautschuk, aber das Tempo der Abfuhr verminderte sich so gut wie nicht. Dafür kam mir ein Ochsenfuhrwerk gemächlich, aber sicher entgegen, und ich vermochte mir, phantasievoll wie ich nun einmal bin, mit Blitzesschnelle auszumalen, wie in fünf Sekunden Patsch an der Gabeldeichsel, ich aber am Horn eines der Ochsen hängen würde. Mein letzter Gedanke war der eben gefundene Reim: Karbatschen, den ich als Befähigungsnachweis für die Seligkeit mit in die Ewigkeit hinübernehmen wollte, die sich meinen angstvoll aufgerissenen Augen wie ein Tor mit durcheinanderkreisenden Feuerrädern auftat — da machte Patsch einen Riesensatz nach rechts und raste auf einen Steinhaufen los. O du Patsch der Pätsche, o du Wunder von einem Patsch! Das war meine Rettung, aber dein Ruin. Der brave Cleveländer hatte sich, ein leuchtendes Beispiel von Dienertreue, für mich aufgeopfert. Er nahm den Steinhaufen, torkelte noch ein Stück der dahinter liegenden Böschung hinan, dann fiel er erschöpft und ohnmächtig um, und ich lag, die Hände in seine Speichen gekrampft, auf ihm. Wie es sich gebührt, sah ich erst nach, was ihm fehlte. Nun: er hatte seinen Knacks weg. Das eine Pedal war ganz ab, das andere baumelte nur noch; die Lenkstange hatte sich völlig verdreht; die Pneumatiks waren zerschlitzt.

Der arme Kerl tat mir furchtbar leid, obwohl ich vollkommen Ursache hatte, mir selbst leid zu tun, denn auch meine Pedale, sowie die vorstehenden Teile des Gesichtes befanden sich in einem mehr pathologischen als ästhetischen Zustande. So hinkten wir beide nach Hause.

Bei Patschs guter Clevelandkonstruktion versteht es sich von selbst, daß er wiederhergestellt werden konnte. Und er wurde wieder hergestellt. Aber er blieb für mein Gefühl doch ein Krüppel, ein mißliebiger Anblick. So sind wir Menschen. Dankbarkeit und Treue sind bei einem anständigen Subjekt von Rad öfter zu finden, als bei uns. Ich beschloß, ihm zwar das Gnadenöl zu geben, mir aber doch ein neues Rad anzuschaffen.

Ich hätte für diese Herzlosigkeit verdient, ein ganz niederträchtiges Wesen aufgehängt zu bekommen, das sein Geschlecht an mir mit tausend Tücken gerächt hätte, und siehe da — was ist das für eine Weltordnung! — ich bekam, als sollte meine Gemütsroheit auch noch prämiiert werden, das Rad der Räder, das Überrad: Tirili.

Auch Tirili entstammt der Clevelandfamilie, doch gehört sie deren adeligem Zweig an, der Baronlinie der Luxusmodelle. Es wäre Vermessenheit, wollte ich versuchen, ihr Äußeres zu schildern. Sie ist einfach ein Erzengel an Schönheit und dabei hat sie einen Kettenschutz aus Hartgummi und ölt sich selbst.

Ich will Ihnen lieber eins der Begebnisse erzählen, die ich in letzter Zeit mit ihr erlebte; daraus werden Sie am besten ersehen, welch edle Seele ihr innewohnt, welch adlige Eigenschaften sie besitzt, von welcher Fülle aller Reize sie umflossen ist. Der alte, gute, treue Patsch erscheint mir neben ihr ganz einfach als Omnibus — ich kann mir nicht helfen, so frevelhaft undankbar das auch klingen mag.

Gewiß, er überragte den Durchschnitt; er war ein Talent; aber Tirili ist unendlich viel mehr, Tirili ist ein Genie, ein Wunder. Man sollte von ihr nur in Versen reden oder, besser noch, man müßte nur Herrn Stephan George darüber in Versen reden lassen, denn nur das erhabene Lallen ist die kongeniale Ausdrucksweise für Tirili.

Nun lächeln Sie natürlich alle und finden, daß ich überschwänglich bin. Aber Sie werden gleich anders denken, wenn Sie hören, was mir kürzlich mit Tirili passiert ist.

Es war ein schöner Herbstmorgen und die Luft so klar, daß die bayrischen Alpen wie zum Greifen nahe vor mir lagen. Trotzdem gedachte ich nur ins Dachauer Moos hinaufzufahren, wo, wie Sie wissen, die Wiege des malerischen Münchner Naturalismus stand, weshalb einige Pietät und ab und zu eine Radpartie wohl geboten erscheint. Gleichzeitig wollte ich bei dieser Gelegenheit den letzten Akt eines Dramas dichten, das Sie hoffentlich nicht aus Empörung über diese Geschichte auspfeifen werden, wenn es aufgeführt wird. Denn ich dichte immer, wenn ich auf Tirili sitze, es sei denn, daß mir durchaus nichts einfiele. Sie meinen: ich sollte lieber lenken? Da kennen Sie Tirili schlecht. Das gute Mädchen würde es als eine Beleidigung auffassen, wollte ich die Lenkstange auch nur angreifen. Sie liest offenbar Gedanken, denn bis jetzt hat sie mich immer dorthin geführt, wohin ich wollte, oder wohin meine Gedanken sich richteten.

Also gut. Ich tätschelte Tirili freundlich sowohl auf die vordere als auf die hintere Pneumatik, freute mich, wie drall und prall das alles war, und heidi ging es hinaus, die Nymphenburger Allee entlang. Schon am Fenster der hübschen Nähmamsell links kam der Geist über mich, und ich begann ein so heißes Dichten, daß ich weder vorwärts, noch rechts und links, sondern nur immer in mich hineinsah, wo sich der letzte Akt meines Dramas glatt und con amore abspielte. Dieses Schauspiel interessierte mich riesig, und ich sah nicht eher aus mir heraus, als bis die Heldin so tot war, wie es nur eine Heldin sein kann, die es nach göttlichem und menschlichem Recht verdient, tot zu sein. Wer beschreibt aber mein Erstaunen, als ich, wie ich mich nun befriedigt umsah, mich nicht etwa in Dachau, sondern auf dem Gipfel eines Berges erblickte, den ich dank meiner Vorbildung auf einem deutschen Gymnasium sofort als die Zugspitze erkannte? Du lieber Gott, sagte ich zu mir, die Zugspitze ist doch 2974 Meter hoch und ganz voll Eis und Schnee, und der Arzt hat mir ausdrücklich verboten, größere Steigungen zu nehmen und mich Erkältungen auszusetzen — da ging es auch schon wieder abwärts, und nur mit Hilfe der wunderbaren Röllchenbremse gelang es mir, einige Wände ohne Unfall hinabzukommen. Aber bei allem Bremsen mußte ich doch in einem ganz unerhörten Tempo begriffen sein, denn nur dies vermag den Umstand zu erklären, den ich Ihnen sofort und ohne viele Worte berichten will.