Mit diesen Worten begab er sich zu seinem Stuhl zurück und verschwand wie ein Häufchen Pergament in dem gepolsterten Leder.
Nur seinen Kopf, der in dieser schummerigen Beleuchtung ganz wie ein verwelktes Haupt Blumenkohl aussah, hob er etwas in die Höhe, als jetzt vom Wipfel des Christbaumes eine dünne Blechtrompetenfanfare erklang — so dünn und jämmerlich, daß daneben das Winseln des Pudels vorhin ein walkürisches Hojotohoh hätte genannt werden können.
Es war der ferkelrosig geschminkte Weihnachtsengel, der also musizierte und dabei seine beiden mit Rauschgold überzogenen Papierflüglein erzappeln ließ. Wie er sein trübseliges Blechgeschmetter beendet hatte, sang er mit einer stark belegten und ganz schadhaft gewordenen Phonographenstimme billigster Nummer: ”Friede auf Erden! Friede auf Erden! Friede auf Erden!“
Aber nicht einmal der Chenillepudel applaudierte. Es herrschte vielmehr ein höchst beklommenes Schweigen, das erst nach einer Weile der Graf mit der tiefsinnigen Bemerkung unterbrach: ”Das kommt davon, wenn ein Engel durchs Zimmer geht oder die Trompete bläst. Wir sind keine Engel mehr gewöhnt.“
”Hören Sie mir, bitte, von Engeln auf,“ ertönte hier in schnellem Einfall eine volle Männerstimme. ”Ich bin, glaube ich, neben meiner Frau der einzige Mensch, der wirklich mit einem Engel in fühlbare Berührung gekommen ist, und ich denke, meine Frau ist in diesem Falle einmal meiner Meinung, wenn ich erkläre: Wir haben dabei die fatalsten Erfahrungen gemacht. Gelt, Eva?“
”Na, das will ich meinen,“ erwiderte eine angenehme Frauenstimme: ”eine Roheit war's. Mich hat er alleweil mit seinem Säbel in den Rücken gepufft.“
”Aha,“ sagte der Graf. ”Adam und Eva werden auch munter. Ich bin doch gespannt, ob sie im Stile ihres neuen Herrn immer aneinander vorbeireden werden. (Die beiden Buchsbaumfiguren waren nämlich das Geschenk für einen Dichter, dessen Spezialität in einem Dialog bestand, dessen Gegenreden sich nie berührten, sondern einander wie zwei Parallelen erst im Unendlichen trafen — worauf man aber im Verlaufe eines Theaterabends nicht warten kann.)
”Ach, du lieber Gott,“ antwortete darauf der schöne Adam, ”das brauchten wir nicht erst von dem zu lernen. Das ist bei uns vom Anfang an so gewesen. Denn, red' ich hüh, so red't sie hott, und sprech' ich von Kindererziehung, so spricht sie von einem neuen Hut, und bring' ich das Gespräch auf den bewußten Apfel, so biegt sie in das Gebiet des Frauenstudiums ab. Das ist sogar schon vor der Apfelspeise so gewesen. Dazu war nicht einmal der sogenannte Sündenfall nötig. Man sollte meinen, sie wäre aus der Rippe von jemand ganz anderem gemacht. Ich hab' so meine Gedanken darüber.“
”Gedanken hat er!“ rief die rundliche Eva aus und bewies damit, daß sie doch auch auf Adams Worte einzugehen wußte, wenn's ihr gefiel. ”Gedanken! Als ob ein Mann jemals Gedanken hätte! Die Gedankenarbeit fängt überhaupt erst jetzt an, seitdem wir studieren dürfen. Ich schreibe jetzt an einer Geschichte des Paradieses, Herr Graf, und ich will nicht Eva heißen, wenn ich nicht quellenmäßig nachweise, daß dieser Tolpatsch da an dem ganzen Unglück schuld ist. Nämlich, wissen Sie, die Schlange und ich, wir hatten uns die Geschichte so gedacht …“
”O Gott, o Gott, o Gott, jetzt fängt das wieder an,“ rief Adam voller Schrecken. ”Ich bitte Sie, Herr Graf, schenken Sie meiner Frau was Hübsches um den Hals, damit sie auf andere Gedanken kommt, sonst kriegen wir ihre ganze Doktordissertation zu hören.“