Wilhelm Schäfer:
Die Béarnaise.
Wilhelm Schäfer ist am 20. Januar 1868 in dem hessischen Orte Ottrau geboren, kam aber kurz darauf an den Rhein, dem sein späteres Dasein und Dichten fast ausschließlich angehörte. Heute lebt er als Herausgeber der vornehmen „ Die Rheinlande “ auf eigener Scholle in Vallendar a. Rh. Jahrelang hat er als Lehrer am Niederrhein gewirkt, bis ihm ein Stipendium der Cottaschen Verlagshandlung die Freiheit zu Reisen und Studien verschaffte.
Seine erlesenen Erzählungsbände erscheinen bei Georg Müller in München und sichern dem Dichter einen besonderen Platz in der modernen deutschen Literatur. Seine Werke liegen auf der mittleren Linie zwischen aktenmäßiger Geschichte und historischem Roman. Sie sind weder Photographien noch Gemälde, sondern gleichen gewissermaßen vornehmen, fein empfundenen Kunstphotographien. Wie Kleist im „Michael Kohlhaas“ reinigt er seinen Stoff von allem zufälligen Beiwerk und übt so auf dem Gebiet der Prosaerzählung eine Tätigkeit aus, die der Arbeit unserer großen Tragiker im Drama ähnlich ist.
In unserer Novelle steigert sich die Komik zur Groteske. Im Mittelpunkt steht der höchst unkönigliche Bürgerkönig Louis Philipp, kurz vor seiner Flucht aus dem revolutionären Frankreich im Jahre 1848. Prächtig ist die Scheinwelt des dekadenten Königshofes in Verbindung gebracht mit dem Flitterwesen wandernder Zirkusleute. Wie anschaulich weiß Wilhelm Schäfer uns alles vor Augen zu führen, Menschen und Dinge, Landschaft, Dorf und Kleinstadt! Aber der Dichter gibt mehr als bloße Schilderung. Er leuchtet tief hinein in die geschichtlichen Zusammenhänge. Louis Philipp ist 1848 dem Fluch der Lächerlichkeit zum Opfer gefallen, den kein Fürst ungestraft auf sich lädt. Unsere Erzählung läßt das vorausahnen und ist so gewissermaßen ein Vorspiel der kommenden Revolution. Und Jean Mourier, der mächtige Zauberer, ist zugleich ein Prophet des großen Schicksals, das Länder und Fürsten regiert.
M. G.
Zirkus
Die Béarnaise.
E
Es kommt wohl vor, daß eine Laune wie eine Witterung auf Dörfer, Städte, Landschaften und ganze Völker fällt; so daß, wo gestern alles noch im Gang der Tage, in Pflicht und schuldigem Respekt die Arbeit tat, auf einmal eine Spottsucht ausbricht, die keinen ohne Schaden an seiner Würde vorüber läßt. So muß es damals in Saargemünd gewesen sein, als Ludwig Philipp, dem dicken Bürgerkönig, sein Mißgeschick begegnete, davon ihn das Gelächter noch begleitete, als er in einer Mietskutsche das undankbare Frankreich verlassen mußte. Der Anlaß freilich war seine Sparsamkeit und daß ihn die ins Durcheinander mit einem Zirkus brachte, der sich vor der gleichen Spottsucht am Tage vorher aus Saargemünd nach Hundlingen gerettet hatte.
Wenn dunkle Nacht in den Gassen und auf den felsigen Waldbergen lag, wenn die qualmenden Öllampen ihr rotes Licht auf einen dichtgedrängten Ring der Zuschauer warfen, wenn die Messingstangen magisch leuchteten und die Stricke dick und flockig schienen in dem Licht, wenn die beleibte Medenella mit den Resten ihrer Reitkunst die edlen Pferde geängstigt hatte und ihr Sohn Camillo auf dem Kopf stehend über ein straff gespanntes Seil gerutscht war, höllisches Feuer dazu speiend, wenn in den Händen seiner Geschwister Blechteller begehrlich rasselten und die Drehorgel wehmütig quarrte: dann hatte nicht wie sonst der Beifall sich in Sousstücke aufgelöst. Und wenn endlich Jean Mourier, der Zirkusvater, sein Meisterstück mit den fünf edlen Pferden machte, die er mit nichts als einem grünen Stein behexte: dann hatten sie sein heiseres Kauderwelsch belacht wie einen albernen Spaß. Obwohl es so viel Zuschauern vordem jahrein jahraus ein Stück zum Staunen gewesen war, wie er gespenstisch auf der grünbehangenen Tonne inmitten stand und die fünf edlen Pferde zum Takt der Béarnaise[238] im Kreis herum stolzieren ließ: Nello voran, den sieghaften Schimmel, der seine Schenkel wie die Königin von Saba mit edlen Schritten hob. Bis plötzlich da, wo die drei schweren Baßtöne das Finale einleiteten, der Mourier den Stein hoch hob, den grünen Stein aus Malachit mit eingeschnittenen Schlangenköpfen, und die Verwandlung eintrat: