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1.Einleitung[1]
2.Das Grundprincip des freien Fluges[3]
3.Die Fliegekunst und die Mechanik[7]
4.Die Kraft, durch welche der fliegende Vogel gehoben wird[15]
5.Allgemeines über den Luftwiderstand[17]
6.Die Flügel als Hebel[19]
7.Über den Kraftaufwand zur Flügelbewegung[20]
8.Der wirkliche Flügelweg und die fühlbare Flügelgeschwindigkeit[21]
9.Der sichtbare Kraftaufwand der Vögel[22]
10.Die Überschätzung der zum Fliegen erforderlichen Arbeit[25]
11.Die Kraftleistungen für die verschiedenen Arten des Fluges[26]
12.Die Fundamente der Flugtechnik[32]
13.Der Luftwiderstand der ebenen, normal und gleichmäßig bewegten Fläche[34]
14.Der Luftwiderstand der ebenen, rotierenden Fläche[35]
15.Der Angriffspunkt des Luftwiderstandes beim abwärts geschlagenen Vogelflügel[38]
16.Vergrößerung des Luftwiderstandes durch Schlagbewegungen[40]
17.Kraftersparnis durch schnellere Flügelhebung[52]
18.Der Kraftaufwand beim Fliegen auf der Stelle[56]
19.Der Luftwiderstand der ebenen Fläche bei schräger Bewegung[58]
20.Die Arbeit beim Vorwärtsfliegen mit ebenen Flügeln[66]
21.Überlegenheit der natürlichen Flügel gegen ebene Flügelflächen[70]
22.Wertbestimmung der Flügelformen[74]
23.Der vorteilhafteste Flügelquerschnitt[76]
24.Die Vorzüge des gewölbten Flügels gegen die ebene Flugfläche[77]
25.Unterschied in den Luftwiderstandserscheinungen der ebenen und gewölbten Flächen[80]
26.Der Einfluß der Flügelkontur[86]
27.Über die Messung des Luftwiderstandes der vogelflügelartigen Flächen[90]
28.Luftwiderstand des Vogelflügels, gemessen an rotierenden Flächen[93]
29.Vergleich der Luftwiderstandsrichtungen[99]
30.Über die Arbeit beim Vorwärtsfliegen mit gewölbten Flügeln[100]
31.Die Vögel und der Wind[102]
32.Der Luftwiderstand des Vogelflügels im Winde gemessen[107]
33.Die Vermehrung des Auftriebes durch den Wind[112]
34.Der Luftwiderstand des Vogelflügels in ruhender Luft nach den Messungen im Winde[119]
35.Der Kraftaufwand beim Fluge in ruhiger Luft nach den Messungen im Winde[120]
36.Überraschende Erscheinungen beim Experimentieren mit gewölbten Flügelflächen im Winde[121]
37.Über die Möglichkeit des Segelfluges[130]
38.Der Vogel als Vorbild[136]
39.Der Ballon als Hindernis[155]
40.Berechnung der Flugarbeit[158]
41.Die Konstruktion der Flugapparate[177]
42.Schlußwort[182]

1. Einleitung.

Alljährlich, wenn der Frühling kommt, und die Luft sich wieder bevölkert mit unzähligen frohen Geschöpfen, wenn die Störche, zu ihren alten nordischen Wohnsitzen zurückgekehrt, ihren stattlichen Flugapparat, der sie schon viele Tausende von Meilen weit getragen, zusammenfalten, den Kopf auf den Rücken legen und durch ein Freudengeklapper ihre Ankunft anzeigen, wenn die Schwalben ihren Einzug gehalten, und wieder in segelndem Fluge Straße auf und Straße ab mit glattem Flügelschlag an unseren Häusern entlang und an unseren Fenstern vorbei eilen, wenn die Lerche als Punkt im Äther steht, und mit lautem Jubelgesang ihre Freude am Dasein verkündet, dann ergreift auch den Menschen eine gewisse Sehnsucht, sich hinaufzuschwingen, und frei wie der Vogel über lachende Gefilde, schattige Wälder und spiegelnde Seen dahinzugleiten, und die Landschaft so voll und ganz zu genießen, wie es sonst nur der Vogel vermag.

Wer hätte wenigstens um diese Zeit niemals bedauert, daß der Mensch bis jetzt der Kunst des freien Fliegens entbehren muß, und nicht auch wie der Vogel wirkungsvoll seine Schwingen entfalten kann, um seiner Wanderlust den höchsten Ausdruck zu verleihen?

Sollen wir denn diese Kunst immer noch nicht die unsere nennen, und nur begeistert aufschauen zu niederen Wesen, die dort oben im blauen Äther ihre schönen Kreise ziehen?

Soll dieses schmerzliche Bewußtsein durch die traurige Gewißheit noch vermehrt werden, daß es uns nie und nimmer gelingen wird, dem Vogel seine Fliegekunst abzulauschen? Oder wird es in der Macht des menschlichen Verstandes liegen, jene Mittel zu ergründen, welche uns zu ersetzen vermögen, was die Natur uns versagte?

Bewiesen ist bis jetzt weder das Eine noch das Andere, aber wir nehmen mit Genugthuung wahr, daß die Zahl derjenigen Männer stetig wächst, welche es sich zur ernsten Aufgabe gemacht haben, mehr Licht über dieses noch so dunkle Gebiet unseres Wissens zu verbreiten.

Die Beobachtung der Natur ist es, welche immer und immer wieder dem Gedanken Nahrung giebt: „Es kann und darf die Fliegekunst nicht für ewig dem Menschen versagt sein.“

Wer Gelegenheit hatte, seine Naturbeobachtung auch auf jene großen Vögel auszudehnen, welche mit langsamen Flügelschlägen und oft mit nur ausgebreiteten Schwingen segelnd das Luftreich durchmessen, wem es gar vergönnt war, die großen Flieger des hohen Meeres aus unmittelbarer Nähe bei ihrem Fluge zu betrachten, sich an der Schönheit und Vollendung ihrer Bewegungen zu weiden, über die Sicherheit in der Wirkung ihres Flugapparates zu staunen, wer endlich aus der Ruhe dieser Bewegungen die mäßige Anstrengung zu erkennen und aus der helfenden Wirkung des Windes auf den für solches Fliegen erforderlichen geringen Kraftaufwand zu schließen vermag, der wird auch die Zeit nicht mehr fern wähnen, wo unsere Erkenntnis die nötige Reife erlangt haben wird, auch jene Vorgänge richtig zu erklären, und dadurch den Bann zu brechen, welcher uns bis jetzt hinderte, auch nur ein einziges Mal zu freiem Fluge unseren Fuß von der Erde zu lösen.

Aber nicht unser Wunsch allein soll es sein, den Vögeln ihre Kunst abzulauschen, nein, unsere Pflicht ist es, nicht eher zu ruhen, als bis wir die volle wissenschaftliche Klarheit über die Vorgänge des Fliegens erlangt haben. Sei es nun, daß aus ihr der Nachweis hervorgehe: „Es wird uns nimmer gelingen, unsere Verkehrsstraße zur freien willkürlichen Bewegung in die Luft zu verlegen,“ oder daß wir an der Hand des Erforschten thatsächlich dasjenige künstlich ausführen lernen, was uns die Natur im Vogelfluge täglich vor Augen führt.