Eine Nachtigall schlug in dem alten Birnbaume über ihr, so wunderbar und wie gewalttätig innig und tief. Vom Georgenturm bliesen vier Posaunen den Abendchoral. Über ihnen, und wie von ihren schwellenden Tönen getragen fuhr Apollonius auf seinem leichten Schiff. Das Abendrot vergoldete die Fäden, in denen es hing. Wohin sie sah, glänzten die treuen, trauernden Augen, die ihm gehörten, mit denen er ihr nachsah, wenn sie ging. Das kleine Mädchen sah mit ihnen auf zu ihr, und erzählte vom Onkel, wie lieb und gut er sei. Oder erzählte sie von damals? Es war keine Zeit mehr, sonst und jetzt war eins. Die letzte Ähnlichkeit mit Fritz Nettenmair war aus ihrem Antlitz verschwunden. Ihre Seele schauerte hoch oben zwischen Himmel und Erde. Was sie ansah, war ein Rätsel mit süßer Deutung, aber sie kannte sie nicht. Sie selbst war sich ein Rätsel. Ihrem Gatten war sie es nicht.
Fritz Nettenmair dachte den ganzen Tag, was das sein möge, was Apollonius ihm morgen sagen wolle; „morgen; weil ich heute nicht gelaunt bin? Gelaunt? Ich habe den Federchensucher in meine Karten sehen lassen. Hätt’ ich’s nicht, wär’ er plump herausgegangen; nun hab’ ich ihn gewarnt und vorsichtig gemacht. Ich bin zu ehrlich mit solch einem falschen Spieler; ich muß verlieren. Gut; ich will morgen „gelaunt“ sein, ich will tun, als wär’ ich blind und taub! als säh’ ich nicht, was er will, und wär’s noch deutlicher. Eine Spinnenwebe auf meine Rockklappen, damit er was zu bürsten hat. Ich kann’s nicht leiden, wenn mir so einer ins Gesicht sieht, solch ein Heuchler!“
So vorbereitet und entschlossen, den Lister zu überlisten, gält es auch die schwerste Probe von Selbstbeherrschung, fand Apollonius den Bruder am folgenden Tage seiner harrend. Auch Apollonius hatte seinen Entschluß gefaßt. Er wollte sich von keiner Laune des Bruders mehr irren lassen; es kam ja eben darauf an, allen diesen Launen ihre Quelle abzuschneiden. Fritz bot ihm den unbefangensten, jovialsten guten Morgen, der ihm zu Gebote stand.
„Wenn du mich ruhig und brüderlich anhören willst,“ sagte Apollonius, „so hoff’ ich, dieser Morgen soll der beste sein für dich und mich und uns alle.“
„Und uns alle,“ wiederholte Fritz, und legte von seiner Erklärung der drei Worte nichts in seinen Ton. „Ich weiß, daß du immer an uns alle denkst; darum rede nur jovial vom Herzen weg, ich mach’s auch so.“
Apollonius ließ die beabsichtigte Einleitung weg. Er hatte klug und vorsichtig sein gelernt, aber klug und vorsichtig gegen einen Bruder sein, hätte ihm Falschheit geschienen. Selbst, hätte er die Falschheit des Bruders gekannt, er wäre nicht auf dessen Gedanken von den gleichen Waffen gekommen. Er hätte sich seine Erfahrung als Täuschung ausgeredet.
„Ich glaube, Fritz,“ begann er herzlich, „wir hätten anders gegeneinander sein sollen, als wir seither gewesen sind.“ Er nahm aus Gutmütigkeit die halbe Schuld auf sich. Der Bruder schob ihm in Gedanken die ganze zu, und wollte jovial das Gegenteil versichern, als Apollonius fortfuhr: „Es war nicht zwischen uns, wie sonst, und wie es sein sollte. Die Ursache davon ist, soviel ich weiß, nur der Widerwille deiner Frau gegen mich. Oder weißt du noch eine andere?“
„Ich weiß keine,“ sagte der Bruder mit bedauerndem Achselzucken; aber er dachte an Apollonius’ Heimkunft gegen seinen Rat, an den Ball, an die Beratung auf dem Kirchenboden, an seine Verdrängung von der Reparatur, an den ganzen Plan des Bruders, an das, was davon ausgeführt, an das, was noch auszuführen war. Er dachte daran, daß Apollonius eben an dem letzteren arbeite, und wieviel darauf ankomme, seine nächste Absicht zu erraten und zu vereiteln.
Apollonius sprach indes fort und hatte keine Ahnung von dem, was in dem Bruder vorging. „Ich weiß nicht, woher der Widerwille deiner Frau gegen mich kommt. Ich weiß nur, daß er von nichts kommen kann, was ich mit Absicht getan hätte, mir ihn zu verdienen. Kannst du mir den Grund sagen? Ich will sie nicht anklagen; es ist möglich, daß ich etwas an mir habe, das ihr mißfällt. Und dann ist’s gewiß nichts, was zu loben oder nur zu schonen wäre. Und ich will dann ebenso gewiß der letzte sein, es zu schonen, weiß ich nur, was es ist. Weißt du’s, so bitte, sag’ es mir. Etwas Schlimmes darfst auch du nicht an mir schonen, und täte dir’s auch noch so weh. Weißt du’s und sagst mir’s nicht, so ist’s nur darum. Aber du kränkst mich nicht damit, gewiß nicht, Fritz.“ —