„Dein Ännchen hat mir’s gesagt,“ entgegnet er und lacht, indem er an das Kind denkt. „Onkel,“ sagte das närrische Kind, „die Mutter ist nicht mehr so bös auf dich; geh’ nur zu ihr und sprich: ich will’s nicht mehr tun; dann ist sie gut und gibt dir Zucker. So hat sie mich auf den Gedanken gebracht. Es ist wunderbar, wie’s manchmal ist, als redete ein Engel aus den Kindern. Dein Ännchen kann uns allen ein Engel gewesen sein.“

Fritz Nettenmair lachte so ungeheuer über das Kind, daß sich Apollonius Lachen wieder an dem seinigen anzündete. Aber er wußte, es war ein Teufel, der aus dem Kinde geredet; ihm war das Kind ein Teufel gewesen und konnte es noch mehr werden. Und doch mußte er noch über das Kind lachen, über das joviale Kind mit seinem „verfluchten“ Einfall. So sehr mußte er lachen, daß es gar nicht auffiel, wie zerstückt und krampfhaft klang, was er entgegnete. „Morgen meinetwegen oder heute nachmittag noch; jetzt hab’ ich unmöglich Zeit. Jetzt begleit’ ich dich nach Sankt Georg. Ich hab’ einen nötigen Gang. Morgen! Über das verwünschte Kind!“

Apollonius hatte keine Ahnung, wie ernst das lachende „verwünscht“ gemeint war. Er sagte, selbst noch über das Kind lachend: „Gut. So fragen wir morgen. Und dann wird alles anders werden. Ich freue mich wie das Kind, und du dich gewiß auch, Fritz. Es soll ein ganz ander Leben werden als seither.“ Der gute Apollonius freute sich so herzlich über des Bruders Freude! Noch als er bereits wieder auf seinem Fahrzeuge um das Kirchendach flog.

Ebenso rastlos umschwankte seines Bruders Furcht das dunkle Etwas, das über ihm schwankte und ihn zu begraben drohte; noch emsiger hämmerte sein Herz an den brechenden Planen, den Sturz zu hindern; aber sein Gedankenschiff hing nicht zwischen Himmel und Erde, von des Himmels Licht bewahrt; es taumelte tiefer und immer tiefer, zwischen Erd’ und Hölle, und die Hölle zeichnete ihn immer dunkler mit ihrer Glut.

Ännchen hatte die Mutter wieder umschlungen, die in der Laube saß. Sie sah wieder mit Apollonius Augen zu ihr auf und erzählte ihr von ihm. Und kam sie nach Kinderweise von ihm ab, so leitete die Mutter mit unbewußter Kunst sie wieder zu ihm zurück. Dann rauschte es einen Augenblick in den Blättern der Laube hinter ihr. Sie dachte, es sei der Wind oder hörte es gar nicht; vielleicht, weil es nicht von Apollonius sprach. Hätte sie hingesehen, sie wäre entsetzt aufgesprungen von der Bank. Was die Blätter rauschen machte, war das stürmische Erzittern einer geballten Faust. Darüber stand ein rotes Gesicht, verzerrt von der Anstrengung die die gehobene Faust zurückhielt, sonst hätte sie das lächelnde Gesicht des Kindes getroffen, das, so jung, schon eine Kupplerin war. Das lächelnde, vatermörderische Gesicht! Das Kind hat ein blaues Kleidchen an; blau ist die Lieblingsfarbe Apollonius’. Sein Kind trägt seines Todfeindes Livree. Und die Mutter — o, Fritz Nettenmair kann sich noch auf die Zeit besinnen, wo sie täglich so gekleidet ging wie heute. Und fürchtet sie das nicht? Glaubt sie, was damals vorgegangen, gibt ihr ein Recht, ihn nicht zu fürchten? Ein Recht, in Schande zu leben, weil es seine Schande ist? Das alles reißt an der gehobenen Faust.

Jetzt sagt die Mutter vor sich hin und hat das Mädchen vergessen: „Der arme Apollonius!“ — Was hält die Faust zurück? — „Ich muß Fritz sagen, wie er mich dauert. Er ist gut. Nicht, Ännchen?“ Ännchen singt und hört auf die Frage nicht. Sie bedarf auch keiner Antwort. „Fritz ist zornig auf ihn, weil er mich einmal gekränkt hat. Ich hab’s lang vergessen. Er ist anders, und Fritz tut ihm unrecht, wenn er meint, er ist noch immer so. Und vielleicht ist er nie so gewesen, und die Menschen haben Fritz belogen. Wir wollen gut sein gegen ihn, damit er froh wird. Ich kann’s nicht mehr ertragen, wie er traurig ist. Ich will’s ihm sagen, dem Fritz.“ So schließt die junge Frau ihr Selbstgespräch; ihr ganzes süß vertrauliches Mädchenwesen ist wieder aufgewacht, und Fritz Nettenmair begreift, das Tun, zu dem der Zorn ihn hinreißen will, zu erschaffen, was noch nicht ist, muß beschleunigen, was kommen wird. Er ist arm geworden, entsetzlich arm. Die Zukunft ist nicht mehr sein; er darf nicht auf Tage hinaus rechnen; er lebt nur noch von Augenblick zu Augenblick; er muß festhalten, was zwischen dem Gegenwärtigen ist und dem Nächstkommenden. Und dazwischen ist nichts, als Qual und Kampf.

Er hat die Frau bis jetzt geliebt, wie er alles tat, wie er selbst war, oberflächlich — und jovial. Das Gewissen hat seine Seele ausgetieft. Die Furcht vor dem Verlust hat ihn ein ander Leben gelehrt. Das Leben lehrte ihn wiederum ein ander Fürchten. Hätte er sie früher so geliebt, wie jetzt, ihre tiefste Seele hätte sich ihm vielleicht geöffnet, sie hätte auch ihn geliebt. Sie haben Jahre zusammengelebt, sind nebeneinander gegangen, ihre Seelen wußten nichts von einander. Dem Leibe nach Gattin und Mutter ist ihre Seele ein Mädchen geblieben. Er hat die tieferen Bedürfnisse ihres Herzens nicht geweckt, er kannte sie nicht; er hätte sie nicht befriedigen können. Er erkennt sie erst, wie sie sich einem Fremden zuwenden. Er fühlt erst, was er besaß, ohne es zu haben, nun es einem andern gehört. Mit welcher Empfindung sieht er die Knospe ihres Angesichts sich entfalten, die er schon für die Blume hielt! Welch nie geahnter Himmel öffnet sich da, wo er sonst Genüge hatte, sein eigen Spiegelbild zu finden. Und wie viel er sah; all den Reichtum an hingebendem Vertrauen, an Opferfähigkeit, an verehrendem Aufstaunen und dienendem Ergeben zu fassen, der in der Morgenröte dieses reinen Angesichts aufging, war sein Auge, auch krankhaft weit geöffnet, noch zu eng. Sein Schmerz übermannte einen Augenblick seinen Haß. Er mußte sich fortschleichen, um das Geständnis seiner Schuld vor dem Antlitz zu flüchten, dessen Blick er jetzt wie ein Verbrecher fürchtete, so sanft es war.

Gegen Abend wurde die junge Frau plötzlich von zwei Männerstimmen aus ihren Tränen geweckt. Sie saß unfern der verschlossenen Schuppentür im Grase. Fritz war eben mit dem Bruder von der Hintergasse in den Schuppen getreten. Sie hörte, er zog den Bruder mit Wohlig’s Anne auf. Anne sei die beste Partie in der ganzen Stadt und der Bruder ein Spitzbube, der die Welt kenne und die Art, die lange Haare und Schürzen trägt. Die Anne nähe schon an ihrer Aussteuer, und ihre Basen trügen die Heirat mit Apollonius von Haus zu Hause. Die junge Frau hörte ihn fragen, wann die Hochzeit sei? Sie hatte sich entfernen wollen; sie vergaß es; sie vergaß das Atmen. Und darauf hätte sie fast laut aufgejubelt: Apollonius sagte, er heirate gar nicht, die Anne nicht, noch sonst eine.

Der Bruder lachte. „Drum hast du den Abend deiner Heimkehr nur mit der Anne getanzt und sie heimgeleitet?“