Auf den Wangen der jungen Frau war ein dunkles Rot aufgestiegen. Offene, naive Naturen haben einen tiefen Haß gegen alle Falschheit, vielleicht, weil sie instinktmäßig fühlen, wie waffenlos sie vor diesem Feinde stehen. Sie zitterte vor Erregung, als sie aufstand und sagte: „Du könntest das tun, du; er nicht.“
Fritz Nettenmair schrak zusammen. In dem Anblick der Gestalt, die voll Verachtung vor ihm stand, war etwas, was ihn entwaffnete. Es war die Gewalt der Wahrheit, die Hoheit der Unschuld dem Sünder gegenüber. Er raffte sich mit Anstrengung zusammen. „Hat er dir das gesagt? Seid ihr schon so weit?“ preßte er hervor. Sie wollte nach dem Hause gehen; er hielt sie auf. Sie wollte sich losreißen.
„Alles hast du gelogen,“ sagte sie, „ihn hast du belogen, mich hast du belogen. Ich habe gehört, was du vorhin im Schuppen mit ihm sprachst.“
Fritz Nettenmair atmete auf. So wußte sie nicht alles. „Mußt ich’s nicht?“ fragte er, indem sein Auge sich der Reinheit des ihren gegenüber kaum aufrechthielt. „Mußt’ ich nicht, um deine Schande zu verhindern? Soll der Federchensucher dich verachten?“ Noch drückte ihr Blick den seinen nieder. „Weißt du, was du bist? Frag’ ihn doch, was eine Frau ist, die Ehre und Pflicht vergißt? An wen denkst du mit Gedanken, wie du nur an deinen Mann denken solltest? Wenn du wie eine verliebte Dirne umherschleichst, wo du meinst, ihn zu sehen. Und meinst, die Menschen sind blind. Frag’ ihn doch, wie er so eine nennt? O, die Leute haben schöne Namen für so eine.“
Er sah, wie sie erschrak. Ihr Arm bebte in seiner Hand. Er sah, sie begann ihn zu verstehen, sie begann sich selbst zu verstehen. Er hatte ihren Trotz gefürchtet und sah, sie brach zusammen; das Zornesrot erblich auf ihrer Wange und Schamröte schlug wild über die bleiche hin. Er sah, wie ihr Auge den Boden suchte, als fühlte es die Blicke aller Menschen auf sich gerichtet, als hätte der Schuppen, der Zaun, die Bäume Augen, und alle bohrten sich in das ihre. Er sah, wie sie in der Jäheit der Erkenntnis sich selbst so eine nannte, für die die Leute die schönen Namen haben.
Der Schmerz strömte seinen Regen über die schamblutende, brennende Wange, und die Tränen waren wie Öl; das Feuer wuchs, als eine Stimme vom Schuppen klang und sein Tritt. Sie wollte sich gewaltsam losreißen, und sah mit halb wildem, halb flehendem Blicke auf, der sterbend vor den tausend Augen wieder zu Boden sank. Er sah, sein Auge, das Auge des, der durch den Schuppen kam, war ihr das schrecklichste. Er hatte seinen ganzen Mut wieder.
„Sag’s ihm,“ preßte er leise hervor, „was du von ihm willst. Wenn er ist, wie du meinst, muß er dich verachten.“
Fritz Nettenmair hielt die Kämpfende mit der Kraft des Siegers fest, bis er Apollonius, der fragend aus dem Schuppen sah, gewinkt, herbeizukommen. Er ließ sie und sie floh nach dem Hause. Apollonius blieb erschrocken auf dem halben Wege stehen.
„Da siehst du, wie sie ist,“ sagte Fritz zu ihm. „Ich hab’ ihr gesagt, du wolltest sie fragen. Willst du, so gehen wir ihr nach und sie muß uns beichten. Ich will sehen, ob meine Frau meinen Bruder beleidigen darf, der so brav ist.“
Apollonius mußte ihn zurückhalten. Fritz gab sich nicht gleich zufrieden. Endlich sagte er: „Du siehst aber nun, es liegt nicht an mir. O, es tut mir leid!“