„Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab’ ihn eben noch vom Hofe aus gesehen.“
„Und hat er hierher gesehen? Hat er Euch ins Haus gehen sehen?“ fragte die Frau in einem Atem.
„Bewahre,“ sagte der Alte; „er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an kein Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet“ — — Der Alte brach ab und dachte seinen Satz fertig: „so hat er was vor“. Die Frau schwieg auch. Sie kämpfte mit dem Gedanken, dem treuen Alten ihre ganze Angst anzuvertrauen. Der Alte merkte nichts davon. „Der Nachbar da, Sie wissen’s wohl,“ fuhr er fort, „kann zu Zeiten keine Nacht schlafen. Da hat er die Nacht, eh’ Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, zu seinem Küchenfenster heraus, einen in unseren Schuppen schleichen sehen, den Gang vom Hause hinter.“ Der Alte sagte nicht, wen der Nachbar gesehen; wahrscheinlich sollte die junge Frau ihn danach fragen. Sie tat es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehört. Er fuhr fort: „Den Abend vorher, eh’ Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das Zeug aussuchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles untersucht; das tut er immer: aber er hat sich nicht entschließen können. Und das ist so merkwürdig, daß Herr Fritz auf einmal so fleißig geworden ist.“
Apollonius’ Name weckte die junge Frau: sie horchte, als der Alte fortfuhr: „Daran hab’ ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der Nachbar da erzählt hat, daß einer in den Schuppen geschlichen ist, hab’ ich gedacht: was muß der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen ist, und bei Nacht. Und wie ich aufgesehen hab’ und hab’ den Herrn Fritz so arbeiten sehen, da ist eine Unruh über mich gekommen und hat mich in den Schuppen hineingetrieben wie mit dem Stock hinter mir her. Da hab’ ich mir alles mögliche vorgestellt, was einer drin hat machen können, der hineingeschlichen ist. Erst hab’ ich das Zimmerbeil an der Tür liegen sehen, das dahin gehört, wo das andere Werkzeug ist. Da hab’ ich gedacht: Hat er was mit dem Beile gemacht? Und hab’ mir wieder vorgestellt, was einer mit dem Beil drin machen kann, der bei Nacht hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke gekommen, es könnt’ was an den Leitern sein. Aber ich hab’ nichts gefunden daran. An dem Hängestuhl, der noch dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die Kloben zu betrachten und endlich das Seilwerk. Da war an einem was, als wär’s hier und da an was Hartes angetroffen, und das hätt’ das Seil verschunden. Da denk’ ich: das geschieht oft und will’s schon wieder hinlegen. Aber ich denk’ auch wieder: sonst ist nichts; und wenn einer hineinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt hat, hat er auch was damit gemacht. Da seh’ ich genauer zu und — Gott behüt’ einen Christenmenschen! Da war hier mit dem Beil hineingestochen, und dort, und noch einmal, und noch einmal. Ich werf’s über den Balken und häng’ mich daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub’, wenn ein Fahrzeug daran wuchtet, das Seil ist imstande, zu zerreißen.“ Der Alte war ganz bleich geworden über seiner Erzählung. Die Frau hatte immer angstvoller an seinem Munde gehangen; sie war in den Stuhl zurückgefallen und konnte kaum sprechen.
„Er hat gedroht,“ ächzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte.
„Den Abend vorher war’s noch nicht,“ fuhr er fort. „Herr Apollonius, der hat ein Aug’ für einen Mückenstich. Er hätt’s gefunden, wie er alles untersucht hat. Nun denk’ ich, der die Beilstiche gemacht hat, hat die Untersuchung mit angesehen und hat gemeint, Herr Apollonius wird das Zeug nicht noch einmal untersuchen, wenn er’s morgen braucht. Und da ist er bei Nacht hineingeschlichen.“
„Valentin,“ schrie die Frau auf und faßte ihn bei den Schultern, halb, wie um ihn zu zwingen, er soll ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an ihm aufrechtzuerhalten. „Er hat’s doch nicht mitgenommen? Valentin, so sag’s doch nur!“
„Das nicht,“ sagte Valentin. „Aber den andern Hängestuhl, der darin lag, und das Seilzeug dazu, und noch mehr.“
„Und waren auch dort Stiche drin?“ fragte die Frau in noch immer steigender Angst. Der Alte sagte:
„Ich weiß nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewußt, welches Herr Apollonius mitnehmen wird.“