Er zog es daher vor, dem bengalischen Babu tausend Rupien anzuvertrauen, um die sicherlich höchst schwierigen und geheimen Verhandlungen mit der Bahn in die Wege zu leiten. Natürlich hatte der Babu nichts Eiligeres zu tun, als mit den tausend Rupien in der Tasche einen ganz gewöhnlichen Zug zu benutzen, und damit auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Und bald darauf begab sich Ischar Ram selbst ohne Extrazug ins Jenseits.

Der Barbier ist auch einer der wenigen Menschen, den der Hindu über seine Schwelle in das Innere seines Hauses läßt. Denn besonders in den höheren Kasten gibt es keinen größeren Frevel, als wenn Außenstehende die Innengemächer des Hauses betreten. Noch entsetzlicher ist aber der Gedanke, mit Weib und Kind das Heim zu verlassen und in unvermeidliche Berührung mit Fremden zu kommen. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb es dem Maharadscha von Kapurthala so schwer fiel, eine Rani zu finden, die ihn nach Europa begleiten wollte.

Zur Verhütung der ungeheure Opfer fordernden Pest oder doch wenigstens der Einschränkung ihrer Folgen, ist von der Regierung vorgeschrieben, daß Pestkranke und Pestverdächtige, sowie Familien, in denen ein Pestfall vorgekommen war, isoliert werden müssen. Da dies das Verlassenmüssen des Familienhauses bedingt, wird alles getan, die Krankheit zu verheimlichen, mit der natürlichen Folge, daß meistens die ganze Familie stirbt. Aus diesem Grunde wird zu Zeiten einer solchen Epidemie der Polizei die Befugnis gegeben, die Häuser zu betreten und dort nach verdächtigen Kranken Nachforschungen anzustellen.

Als „Tasildar“ in der Peststadt

Gegen 1908 wütete nun in dem zu Kapurthala gehörenden Bezirke Phagwara, in dessen gleichnamiger Hauptstadt etwa 14000 Einwohner leben, die Pest besonders stark. Der Tasildar (der Bezirksvorsteher) hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt, als seinen Posten zu verlassen und nach Kapurthala zu fliehen. Da Phagwara als Enklave im britischen Gebiet liegt, nahmen die britischen Behörden Veranlassung, eine ärztliche Kommission in das verseuchte Gebiet zu senden, wo sie jedoch außer einigen Polizisten keine Beamten vorfand.

Diese Polizisten waren um des Gewinnes willen dort geblieben, denn der Tasildar hatte vor seiner Flucht noch angeordnet, daß jedes pestverdächtige Haus und jedes Haus, in dem ein Pestfall vorgekommen war, geräumt werden müsse. Die ebenso rücksichtslosen wie „gewissenhaften“ Polizisten benutzten nun den Befehl, um die Einwohner, die auf Grund ihrer Kastenvorurteile lieber an der Pest sterben als ihre Häuser verlassen, möglichst zu brandschatzen.

Die Stadt Phagwara ist ein blühender Handelsplatz und die Einwohner zu einem ziemlichen Prozentsatz wohlhabend. Es gab genug „Bania“ und „Schroff“ (Getreidehändler und Wucherer), die sich und ihr Haus vor Verunreinigung durch das Betreten von Fremden schützen wollten und dafür Opfer zu bringen bereit waren. Zu einer Verunreinigung genügt es, daß ein Fremder einen Blick auf eins der weiblichen Familienmitglieder wirft oder auch nur in ihren Schatten tritt.

Und den Polizisten stand das Recht zu, die Häuser zu betreten und zu durchsuchen! Mancher der Betroffenen grub da seinen heimlichen Schatz aus, um diese Schmach abzuwenden oder um nicht sein Haus verlassen zu müssen. Der Polizist mit der offenen Hand stand schon vor der Tür.

So kam es, daß in den meisten Fällen die Armen ihre Häuser gegen den Aufenthalt in den Isolierungslagern aufgeben mußten, während die Reichen ungestört in ihren Wohnungen an der Pest sterben durften und den Krankheitsherd fromm und wohlgesinnt im Gange hielten.

Die britische Regierung ließ den Maharadscha wissen, wie es in Phagwara stand, und verlangte kategorisch entsprechende Abwehrmaßregeln, widrigenfalls sie selbst die Angelegenheit in die Hand nehmen werde.