Als ich der erhaltenen Anordnung nachkommen wollte, trat mir der Oberhofmarschall an der Spitze sämtlicher Maharatten und Brahminen-Oberköche entgegen und bedeutete mir, unter allen Zeichen der tiefsten Erregung, daß ich die so schöne europäische Küche nicht betreten dürfe, denn dies würde gegen die Kasten-Skrupeln des Maharadscha und seiner Angehörigen, sowie der Gäste verstoßen. Die Speisen zu berühren oder zu kosten wäre gleichfalls ein Sakrilegium schlimmster Art und würde sie einfach ungenießbar machen.

Also die Küche, die ich leiten sollte, durfte ich nicht betreten, denn in Punkten des religiösen Zeremoniells war der Gaekwar ebenso machtlos wie etwa ich selbst.

Doch ich wollte versuchen, wenigstens im Speisesaal nach dem — europäisch — Rechten zu sehen, und mich, nachdem die Gäste von den Speisen gegessen hätten, durch Kosten von der richtigen Zubereitung überzeugen, um gegebenenfalls beim nächsten Male Übelstände abstellen zu können. Doch auch dies erwies sich als undurchführbar, da ich auch den Speisesaal nicht betreten durfte, ehe nicht alles abgedeckt war.

Folglich hatten meine Bemühungen, den Plänen des Gaekwar entgegenzukommen, wenig Aussicht auf Erfolg. Und ich sah auch sehr bald, daß den Herren der Hofgesellschaft der Gedanke ihres Gebieters keine rechte Freude bereitete.

Die ganze „Esserei“, um nicht von „Vielfresserei“ zu sprechen, hatte mit Europa kaum die Namen der Speisen gemein. Sie wurde am Anfang zweimal wöchentlich abgehalten. Doch keiner der Gäste fühlte sich glücklich, Messer und Gabel zu handhaben. Weiße wurden nie dazu eingeladen. Erst wenn der neue Gang, das unvermeidliche Nationalgericht „Curry mit Reis“, auf den Tisch kam, begannen die Gesichter der Geladenen aufzuleuchten. Jetzt konnten sie doch wenigstens sich mit Suppenlöffeln ordentliche Mengen zuführen, was ihrer Gewohnheit, sich den Mund mit den Fingern vollzustopfen, doch etwas näher kam, als die mühevolle Arbeit mit Messer und Gabel!

Doch schon das Zusammenessen an sich der verschiedenen Herren dieses Hofes bereitete die größten Schwierigkeiten. Mit dem Gaekwar zusammen saßen nur die Maharatten und Radschputen, Angehörige der Kriegerkaste. Die Parsi und die Mohamedaner saßen getrennt für sich an besonderen Tischen, die aber nicht auf demselben Teppich stehen durften. Wurden einheimische Christen eingeladen (Goanesische Staatsbeamte), so mußte auch für diese ein besonderer Tisch aufgestellt werden. Doch alle diese Letzteren durften nicht in dem gleichen Raume mit dem Gaekwar sitzen. Dies war nur den Angehörigen höherer Kasten, sowie Brahminen gestattet, die aber, auf ihre Würde bedacht, es mit allen Zeichen des Abscheus ablehnten, auf diese Weise zu speisen.

Mancher von ihnen jedoch, der mich in meinem Hause besuchte, nahm dort keinen Anstoß, in derselben Weise mit mir zu Tisch zu sitzen, die er im „Schloß des Glückes“ entsetzt ablehnte!

Während des Essens wurde gegessen. Dies war der augenscheinliche und nächstliegende Zweck. Zum Unterhalten hatte man noch immer Zeit. Und die nützliche Beschäftigung des Speisenverschlingens wurde nur durch die unangenehme Mühe behindert, die ein Jeder aufwenden mußte, um die anderen in der Handhabung der Bestecke zu beobachten, denn in Gegenwart des Gaekwar wollte sich keiner eines Verstoßes gegen die von dem Herrscher so hochgeachteten Gebräuche des fernen Europa zu schulden kommen lassen. Auch entschädigte ja die gute und reichliche Mahlzeit, die er ihnen als freigebiger Erzieher vorsetzen ließ, für seine sonst ziemlich unverständliche Eigentümlichkeit.

Daher lag über diesen halbwöchentlichen Erziehungsschmausereien eine sachgemäße Stille. Nur das Grunzen oder Rülpsen der Zufriedenheit des einen oder des anderen der Höflinge, der damit die baldigen Grenzen der Leistungsfähigkeit seines inneren Menschen andeuten wollte, unterbrach das laute, eintönige Schmatzen, mit dem die Minister, die hohen Staatsbeamten und Offiziere des Gaekwar von Baroda ihren vertilgerischen Lernpflichten nachkamen.

Getränke wurden bei diesen Mahlzeiten nicht gereicht, nicht einmal Wasser. Erst nach Tisch begaben sich die Gäste in den Hof des Palastes, wo die „Bisti“ — Wasserträger — ihnen am Brunnen Gelegenheit boten, sich den Mund zu spülen, was unter ohrenbetäubendem Lärm vor sich ging.