Das Jahr 1848 brach an; auch der Papst musste dem Sturm folgen und die Verfassung vom März 1848 bewilligen, obwohl mit Widerstreben. Das konstitutionelle Regieren war aber einem Papst ein ungewohntes Ding, und um den heraufbeschworenen Geist in seine Schranken zu bannen, wurde von ihm Graf Pelegrino de Rossi zum Minister ernannt, welcher das Volk durch strenge Maßregeln in Furcht halten wollte. Das ging nicht im Jahr 1848, und die Folge waren Aufstände in Rom und die Ermordung des missliebigen Ministers. Die Aufregung stieg, und das von dem Volksverein dirigierte Volk zog vor den Quirinal, seine Wünsche darzulegen. Der Papst wollte "sich nicht imponieren lassen", allein als man das kanonische Recht - das heißt wirklich metallische Kanonen - gegen ihn anwandte, hatte er nachzugeben und ein demokratisches Ministerium zu ernennen, an dessen Spitze Graf Mamiani della Rovere stand. Da sich Pius aber aller Macht beraubt sah, so hielt er es für zweckmäßig, am 24. November 1848 unter dem Schutze des bayerischen Gesandten Graf Spaur und in einer Verkleidung als Abbate aus Rom zu fliehen und sich in Gaeta unter den Schutz des Königs von Neapel zu stellen. Die Folge davon war, dass Rom zur Republik erklärt wurde.

Eine politische Geschichte Roms liegt außer dem Bereich dieser Schrift, die weniger mit dem Fürsten des Kirchenstaates als mit dem Oberhaupt der römisch-katholischen Christenheit zu tun hat. Dass dieser zugleich weltlicher Fürst und als solcher in politische Händel verwickelt ist, ist ein Umstand, welcher selbst von vielen Katholiken beklagt wird, da er dem Oberhaupt der Kirche die Würde raubt. Wie derselbe in seiner Eigenschaft als Fürst durch französische Bajonette noch immer künstlich erhalten wird, ist bekannt wie auch die ziemlich gewisse Hoffnung, dass mit dem Aufhören dieses Schutzes der Papst von seinen weltlichen Regierungssorgen erlöst werden wird.

So bewegt und trübe die Laufbahn des Papstes Pius IX. als Fürst war, so waren doch seine Erfolge als Oberhaupt der Kirche für ihn sehr günstig. Er trat genau in die Fußstapfen seines Vorgängers, allein er tat es in weniger schroffer Weise als dieser. Es gelang ihm, mit fast allen Mächten Konkordate abzuschließen, durch welche die Macht und das Ansehen der römischen Kirche wiederhergestellt wurden. Besonders erfolgreich war er in dieser Beziehung in Frankreich und Österreich, wo die Kirche ihren ganzen verderblichen Einfluss auf die Schulen wiedergewann.

Die Fürsten, durch das Jahr 1848 erschreckt, hielten es für notwendig, den verdummenden und knechtenden Einfluss der Kirche auf das Volk wieder zur Unterstützung ihrer eigenen despotischen Gelüste zu Hilfe zu rufen, während andererseits die römische Kirche, besonders in Deutschland, danach strebte, sich von dem Einfluss der weltlichen Regierungen möglichst frei zu machen. Zu dem letzteren Zweck wurden die Piusvereine gestiftet, deren erster 1848 im April in Mainz gegründet wurde und deren Zahl bald so sehr wuchs, dass bereits im Oktober desselben Jahres eine Generalversammlung von 83 solcher Vereine beschickt wurde. Von diesen Vereinen gingen nun unter verschiedenen Namen wieder andere Vereine hervor, die sämtlich für die Wiederherstellung der römischen Herrlichkeit in der umfassendsten und praktischsten Weise wirkten.

Der ausgesprochene Zweck dieser Vereine ist es, mit allen gesetzlichen Mitteln zu wirken für die Freiheit des römischen Glaubens und Kultus, für das göttliche Recht der Kirche zu lehren und zu erziehen; für unbeschränkten Verkehr zwischen Bischöfen und Gemeinden und zwischen beiden und dem Papst; für Heilung der Notstände und für freie Verwaltung und Verwendung des Kirchenvermögens. In politischer Beziehung wollten die Vereine nur zur Unterstützung der obrigkeitlichen Gewalt und zur Förderung der staatlichen Zwecke indirekt beitragen; allein sie beschränkten sich keineswegs darauf, sondern griffen, wo immer möglich, direkt in die Politik ein.

Pius IX. ist weit entfernt, das Unzeitgemäße der Lehren der römisch- katholischen Kirche zuzugeben, sondern im Gegenteil eifrig bemüht, den Glauben an alle im Mittelalter zur Geltung gebrachten Dogmen wieder zu erwecken, und die Welt erlebte von ihm die wunderbare Tatsache, dass er die wahnsinnige Lehre von der unbefleckten Empfängnis der Jungfrau Maria am 8. Dezember 1854 in der Peterskirche durch feierlichen Akt zum Dogma erhob.

Während die Tätigkeit der römischen Kirche in Deutschland solche Erfolge errang, verlor sie immer mehr und mehr in Rom und in ganz Italien und besonders in Sardinien und im jetzigen Königreich Italien, dessen konstitutionelle Regierung den Anmaßungen der Kirche entschieden entgegentrat.

Den härtesten Schlag erhielt jedoch die römische Kirche, oder vielmehr die päpstliche Gewalt, durch den im Jahr 1866 stattgehabten Umschwung der Dinge. Die von dem österreichischen Reichstag ausgesprochene teilweise Aufhebung des Konkordats beraubte sie der Leitung des Schulwesens und der Kontrolle über die Ehe und damit zweier der mächtigsten Hebel ihrer Macht.

Die große Tätigkeit, welche die römische Kirche durch ihre Vereine und andere ihr zu Gebot stehenden Mittel entwickelt, und das immer dreistere Auftreten derselben machten nicht nur manche Regierungen stutzig, sondern veranlassten auch die Männer der Wissenschaft und selbst diejenigen, welche sich nie um Religion kümmerten, sich gegen die verfinsternden und die Entwicklung des freien Volksfortschritts hemmenden Bestrebungen der Kirche mit aller Kraft zu erheben. Was immer auch Papst Pius IX. von dem in diesem Jahr von ihm zusammenberufenen Konzil für sanguinische Hoffnungen hegen mag, wer die Lage der Dinge mit vorurteilsfreiem Auge betrachtet, sieht mit sonnenheller Klarheit, dass ein für das Mittelalter berechnetes Institut im Jahr 1869 nicht wieder aufblühen kann. Der Genius der Freiheit wird die Finsterlinge in den Staub treten.

Sodom und Gomorrha