Obwohl nun auch die Religion, das heißt die Priester, solche natürliche Wunder zu ihrem Zwecke benutzte, als deren Ursachen dem Volk noch unbekannt waren, so ist doch das eigentliche religiöse Wunder ganz anderer Art und charakterisiert sich dadurch, dass es gegen die Natur ist, das heißt eine Aufhebung der bekannten Naturgesetze vorausgesetzt.
Den Völkern früherer Zeiten erschien eine Sonnen- oder Mondfinsternis, oder ein Komet als ein Wunder, und derselbe Fall war es mit einer Menge von Erscheinungen, deren Ursprung die jetzige Wissenschaft nicht nur ganz klar nachweist, sondern auch ganz genau im Voraus berechnet. - Manchen wilden Völkern ist ein Streichhölzchen noch ein Wunder und selbst unsern eigenen niederen Volksklassen erscheint manches als Wunder, was dem Gebildeten eine alltägliche Erscheinung ist.
Die Priester, welche hauptsächlich mit den Göttern zu verkehren und ihren Willen zu erforschen hatten, der sich, wie wir gesehen haben, für sie in Naturerscheinungen äußerte, mussten durch Beobachtung wohl zunächst mit der Tatsache bekannt werden, dass es bestimmte Naturgesetze gebe. Indem sie ihre Erfahrungen von Priestergeschlecht zu Priestergeschlecht fortpflanzten, kamen sie auf dem Wege der Wissenschaft allmählich zur Kenntnis von Dingen, die sie für sich behielten, da sie diese Kenntnis zur Erhöhung ihres Ansehens im Volk äußerst brauchbar fanden. Einen Beweis dafür finden wir in dem Verhalten der alten ägyptischen Priester, die in der Erkenntnis der Natur und der Eigenschaft vorhandener Dinge sehr weit fortgeschritten waren und Erfindungen und Entdeckungen machten, die erst nach sehr vielen Jahrhunderten auf anderen Wegen ebenfalls entdeckt und allgemein bekannt wurden. Man fand z.B. in ägyptischen Gräbern metallene Gegenstände, deren Hervorbringung man sich gar nicht erklären konnte, bis man erst in diesem Jahrhundert durch die Erfindung der Galvanoplastik in den Stand gesetzt wurde, zu erkennen, dass sie auf galvanoplastischem Wege gemacht waren. Diese Kunst setzt aber schon bedeutende andere Erfahrungen und Entdeckungen in Bezug auf die Eigenschaften natürlicher Substanzen voraus.
Dass die ägyptischen Priester die Wissenschaft zu dem eben angeführten Zwecke benutzten, wissen wir mit Bestimmtheit. Sie verrichteten Handlungen, welche die übrigen Menschen als Wunder betrachteten und viele Schriftsteller der alten Zeit berichten von ägyptischen Künsten und ägyptischer Wissenschaft.
Ich erwähne diese ägyptische Wissenschaft insbesondere deshalb, weil sie die Mutter der in der Bibel erzählten Wunder ist, die wieder die Veranlassung zu den Wundern der römisch-katholischen Kirche wurden, welche jedoch meistens keineswegs mit Hilfe der Wissenschaften hervorgebracht, sondern von den Priestern erfunden wurden. Wunder, wie sie die Ägypter taten, setzten Kenntnisse voraus, die schwer zu erlangen waren; allein die römischen Priester fanden, dass sich noch wunderbarere Dinge erfinden ließen, die mit Rücksicht auf ihren Zweck, ganz dieselbe Wirkung hervorbrachten, da sie geglaubt wurden; geglaubt, weil sie als Tatsachen von Männern erzählt wurden, an deren Autorität man nicht zweifelte und die zum Teil selbst glaubten.
Eigentliche Wunder, das heißt Dinge, welche gegen die Naturgesetze sind, kann es nicht geben; was geschieht, geschieht auf natürliche Weise und entspringt aus natürlichen Ursachen, und wenn wir diese Ursachen nicht erkennen können, da unsere Kenntnis von den Eigenschaften und Kräften der Natur noch beschränkt ist, so ist die Annahme doch eine durchaus vernünftige, wie aus den folgenden Auseinandersetzungen hervorgehen wird.
Viele gebildete Leser werden sich darüber wundern, dass ich mich bei den Wundern so lange aufhalte, da dies, um eine Modephrase zu gebrauchen, "ein längst überwundener Standpunkt" ist; allein wenn dies auch in Bezug auf den Gebildeten der Fall sein mag, so hat doch das Volk im Allgemeinen diesen Standpunkt noch keineswegs überwunden und selbst der größte Teil derer, die sich zu den Gebildeten zählen, werden aus den folgenden Beweisen erkennen, dass sie an Wunder glauben.
Die Verteidiger des Wunderglaubens sagen zum Beispiel: Gott ist allmächtig, aus Nichts hat Gott die Welt gemacht; und Millionen nehmen dies als eine so unumstößliche Wahrheit an, dass sie es mit Abscheu als ein Verbrechen betrachten, wenn jemand sagt: "Gott ist nicht allmächtig; Gott hat nicht die Welt aus Nichts gemacht; denn ein solcher Glaube ist unvernünftig."
Dass das Weltall, welches aus getrennten Körpern besteht, die nach bestimmten Gesetzen zusammengesetzt und vermöge der jedem Körper innewohnenden Eigenschaften miteinander zu dem großen Ganzen vereinigt sind, einen Ursprung, eine Ursache haben muss, muss jeder mit Vernunft begabte Mensch zugeben. Die Ursache oder Macht, welche das was ist bewegt und erhält, ist Gott; und was ich in dem hier Folgenden sage, bezieht sich durchaus auf diesen Begriff und auf keine subjektive Vorstellung der Weltursache, wie sie irgendeiner der bestehenden oder vergangenen Religionen zu Grunde liegt.
Ich rede auch nicht von der Vorstellung, die ich mir selbst von Gott mache, denn diese, so vernünftig sie auch sein oder erscheinen mag, hat doch immer nur einen subjektiven Wert wie jede andere Gottesvorstellung; ich untersuchte mit meiner Vernunft einfach, inwieweit sich die Idee der Allmacht und einer Erschaffung aus dem Nichts mit dem von mir oben definierten Begriff Gott verträgt. Ein Streben, das Wesen Gottes zu erkennen, ist gewiss der erhabenste Gebrauch, den der Mensch von dieser ihm von Gott gegebenen Vernunft machen kann.