Die Ähnlichkeit der Wunder, welche Moses und nach ihm die Propheten verrichteten, mit denen Christi, macht es wahrscheinlich, dass sie aus derselben Quelle, Ägypten, stammten.
Moses war von der Tochter Pharaos gerettet und durch ihre Vermittlung mit der Erlaubnis des Königs von den Priestern so gut erzogen worden, wie es nur der Sohn des Königs selbst hätte wünschen können. Wie uns der jüdische Schriftsteller Josephus erzählt, offenbarte der Knabe einen sehr kräftigen Sinn und es ist wahrscheinlich, dass man ihn mit großer Sorgfalt und Liebe in die Geheimnisse ägyptischer Wissenschaft einweihte und dass er in den erlernten Künsten selbst die ägyptischen Priester übertraf, welche ihm der König entgegenstellte, als er seine Wissenschaft zur Befreiung der Juden aus der ägyptischen Knechtschaft anwandte.
Seit jener Zeit vererbte sich die Wissenschaft unter den Juden, allein nur an einzelne, an Propheten, da sie sonst ihren Zweck verfehlt haben würde. Als die Könige der Juden gegen das Volk tyrannisch wurden und sahen, dass ihnen die Propheten widerstrebten, verfolgten sie dieselben, rotteten sie aus, wo sie konnten und zerstörten ihre Schulen. Die geheimen Wissenschaften kamen in Verfall durch diese Verfolgungen und die an Unmöglichkeit grenzende Schwierigkeit, sie zu lehren. Waren doch sogar die Gesetzbücher des Moses gänzlich verloren gegangen, und selbst unter den Königen und Priestern hatten sie sich einzig auf dem Weg der Tradition nur unvollkommen erhalten. Der Priester Hilkija, unter der Regierung des Königs Josia, fand endlich eine Abschrift der Bücher Moses durch Zufall im Tempel. (Anm.d.Red. 2.Kön. 22,8)
Die Geburt Jesu erregte ein vorübergehendes Aufsehen durch die damit verknüpften Umstände, welche den misstrauischen und tyrannischen Herodes veranlassten, alle in Bethlehem innerhalb zwei Jahren geborene Kinder ermorden zu lassen. Joseph, der Vater Jesu, floh mit seiner Frau und dem Kind nach Ägypten, ein Land, welches seit den ältesten Zeiten von hebräischen Handelsleuten besucht wurde und in dem eine Menge Juden wohnten, von denen viele stets zum Osterfest nach Jerusalem kamen.
Joseph blieb ungefähr zwei Jahre in Ägypten, nämlich bis zum Tod des
Herodes, und es ist natürlich, dass unter den Freunden, die ihm zur
Flucht halfen und in Ägypten unterstützten, der Grund dieser Flucht viel
besprochen wurde und dass man für das Kind stets ein besonderes
Interesse behielt.
Als Jesus zwölf Jahre alt war, finden wir den Knaben im Tempel, wo er durch seine klugen Fragen und Antworten die Priester und Schriftgelehrten in Erstaunen setzt. Der aufgeweckte Geist des Knaben mochte einige der vornehmen Leute interessieren und Nachfragen nach seiner Herkunft veranlassen, wobei die bei seiner Geburt stattgehabten Vorfälle gewiss wieder zur Sprache kamen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sich irgendjemand unter diesen Vornehmen veranlasst fühlte, für die Erziehung Jesu Sorge zu tragen und dass dies infolge der bei der Flucht nach Ägypten angeknüpften Bekanntschaften in Ägypten geschah.
Die Talente, die Jesus zeigte, mochten Veranlassung werden, dass er zu einer besonderen Rolle ausersehen wurde, welche die Befreiung der Juden vom römischen Joch bezweckte, wie einst Moses dieselben vom Joch der Ägypter befreit hatte.
Die eigentümliche Weise, in welcher sich der Charakter Jesu entwickelte, mochte anderen, oder wahrscheinlich ihm selbst, den weit höheren Gedanken eingeben, diese Erlösung von der Knechtschaft geistiger aufzufassen und durch Schöpfung eines neuen Glaubens die Menschen von der Last des Lebens und der Furcht vor dem Tod zu befreien.
Um diesen Zweck zu erreichen, hielt er es für unumgänglich notwendig, sein Leben zu opfern und große Leiden zu erdulden. Er fand die Kraft dazu in seiner Liebe zu der Menschheit; allein begreiflich ist es, dass die Versuchung ihm nahe trat, die ihm innewohnende geistige Kraft und die erlangte Wissenschaft auf eine andere, weniger aufopfernde Weise anzuwenden, indem er als Held und Befreier des Volks von der Römerherrschaft auftrat. Die Erzählung von der Versuchung durch den Teufel, der ihn auf einen hohen Berg führte und alle Reiche der Erde zeigte, kann schwerlich einen anderen Sinn haben.
Die Wunder des Moses, der Propheten und Jesu aus den in der Bibel enthaltenen Erzählungen erklären zu wollen, wäre ein ganz nutzloses Unternehmen.