Die Keime der in ihren Folgen grässlichsten geistigen Epidemien enthält die Religion und keine mehr als die missverstandene christliche. Sie hat Europa Jahrhunderte hindurch in ein trübseliges Narrenhaus verwandelt und Millionen von Schlachtopfern sind der durch sie erzeugten Tollheit gefallen.
Dieses Kapitel handelt von den Heiligen der römischen Kirche, denn die protestantische hat sie abgeschafft und nur die Scheinheiligen behalten. All diese Heiligen, einige Ausnahmen abgerechnet, waren durch die Religion wahnsinnig gemachte Menschen und würden, wenn sie heutzutage lebten, in Narrenhäuser gesperrt werden. Jeder Leser, der nicht von derselben Narrheit ergriffen ist, wird am Ende dieses Kapitels von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugt sein.
Die Lehre Christi, dass dies Leben nur eine Vorbereitung für ein künftiges sei und dass jeder, welcher die ihm hier auferlegten Leiden gottergeben trage, dafür im ewigen Leben belohnt werden würde, war darauf berechnet, die leidende und bedrückte Menschheit durch die Hoffnung zu trösten. Je größer die unverschuldeten Leiden waren, die einen Gläubigen trafen, desto größere Hoffnung hatte er, durch geduldiges Ertragen ein freudenreiches ewiges Leben zu gewinnen und es ist begreiflich, dass es Menschen gab, welche sie betreffende Unglücksfälle als ein Glück ansahen, da sie ihnen Gelegenheit gaben, den Himmel zu verdienen.
Der Übergang zu dem Gedanken, dass Leiden überhaupt verdienstlich sei, war nicht besonders schwierig, besonders da er durch mehrere von den Aposteln berichtete Aussprüche Christi unterstützt wurde, und so kam es, dass man sich endlich selbst Leiden und Qualen erschuf, nur um sie zu ertragen und weil man damit meinte, für sein Seelenheil zu sorgen. Das Egoistische und Unmoralische einer solchen Handlungsweise wurde gar nicht erkannt.
Die Idee von der Verdienstlichkeit, körperliche Martern mit Freudigkeit zu ertragen und sich selbst zu schaffen, kam erst recht zur Geltung, als die während der Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian und Decius hingerichteten Christen durch ihre Standhaftigkeit so hohen Ruhm einernteten. Mögen sich auch die Kirchenschriftsteller nicht immer von Übertreibungen ferngehalten haben, wenn sie die Leidensgeschichten der Märtyrer erzählen, so verdienen sie doch im Allgemeinen Glauben, denn es ist eine bekannte Erfahrung, dass Menschen in hoher geistiger Aufregung Schmerz oft gar nicht empfinden, wie manche alte Soldaten bezeugen, die es in der Hitze des Kampfes oft gar nicht bemerkten, dass sie verwundet wurden.
Diese Schwärmerei nahm besonders im vierten Jahrhundert überhand, und was Zeno, Bischof von Verona (um d. J. 360), sagte, war ziemlich der allgemeine Glaube: "Der größte Ruhm der christlichen Tugend ist es, die Natur mit Füßen zu treten." (Anm.d.Red. vgl. Zeno: Traktat V. Die Enthalsamkeit.)
Diese düstere Ansicht verbreitete über die ganze christliche Welt eine Trübseligkeit, welche die Erde in der Tat zu einem Jammertal machte. Die frommen Christen hielten sich nicht für wert, dass die Sonne sie bescheine; jeder Genuss erschien ihnen ein Schritt zur Hölle und jede Qual ein Schritt zum Himmel.
Später gestaltete sich freilich alles weit lustiger in der christlichen Kirche, so lustig, dass es ein Skandal und Gräuel und die Reformation dadurch erzeugt wurde; aber Luther machte die Leute wieder mit der Bibel bekannt, die ihnen von der römischen Kirche entzogen war, und das Lesen derselben brachte ähnliche Wirkungen hervor wie das Lesen der Evangelien unter den Christen der ersten Jahrhunderte.
Beweise dafür finden wir genug in der Geschichte wie auch in den Predigten und anderen geistlichen Schriften aus der Zeit nach der Reformation. Besonders reich daran sind die Gesangbücher, in denen sich hin und wieder noch jetzt nicht minder seltsame Verse finden wie der folgende, der wörtlich einem noch nicht sehr alten Breslauer Gesangbuch entnommen ist:
Ich bin ein altes Raben-Aas,
Ein rechter Sünden-Krüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie den Rost der Zwibbel.
O Jesus, nimm mich Hund am Ohr.
Wirf mir den Gnadenknochen vor,
Und schmeiß mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel.