Diese Sehnsucht erfasste auch mich und es verlangte mich, an Ort und
Stelle zu sehen, wie die Saat stände, welche wir vor zwanzig Jahren mit
Blut und Tränen eingesät hatten. Ich kehrte daher im vorigen Jahr als
Correspondent der New Yorker "Times" für "Deutschland und angrenzende
Länder" in mein Geburtsland zurück.

"Der aus dem Jahr 1848 bekannt Corvin ist aus Amerika zurückgekehrt" berichtete eine befreundete Zeitung und die andern druckten es nach. Als ich diese brillante Anerkennung für ein der Freiheit und dem Volk gewidmetes Leben las, lachte ich hell auf; nicht bitter, sondern mit dem glücklichen, heiteren Sinn, der mich in den Stand setzte, ruhigen Auges den standrechtlichen Kugeln entgegenzusehen, in der wehedurchzitterten, brotsuppendurchdufteten Einsamkeit der entsetzlichen Zuchthauszelle geistig und körperlich gesund zu bleiben; die großen und kleinen Miseren des Flüchtlingslebens mit Humor zu tragen; in des "Schiffbruchs Knirschen", wo die Gläubigen zittern, ruhig zu schlafen und mitten im "Schlachtendonnerwetter" meinen Zeitungsbericht zu schreiben.

Wer kümmert sich heute noch um die Leute, welche die Bäume pflanzten, die uns Schatten und Nutzen gewähren! - Ich war mit dem zufrieden, was ich in Deutschland sah. Das Blut der Märtyrer von 1848 und 49 und die Tränen ihrer Weiber und Kinder sind nicht umsonst geflossen. Die Veränderungen in der menschlichen Gesellschaft entwickeln sich eben in ähnlicher Weise wie die in der Natur, - allmählich und langsam und es ist unvernünftig von denen, die doch sonst die Wunder leugnen, Wunder zu verlangen.

Von den politischen Folgen der Jahre 1848 und 49 will ich indessen hier nicht reden; ich habe mit ihnen hier nichts zu tun, ich will nur den geistigen Fortschritt in Betracht ziehen.

Der unvernünftige Glauben hat in diesen zwanzig Jahren viel Terrain verloren und die Hauptstütze desselben, das Papsttum hängt noch an einem schwachen Lebensfaden. Die Macht der Pfaffen ist unterwühlt selbst in Österreich, Italien und Spanien und die ungeheuren Anstrengungen, die gemacht werden, die aufrecht zu erhalten, sind nutzlos. Die Presse ist frei und sogar dem Papsttum treusten Regierungen sind von der öffentlichen Meinung gezwungen worden, die Wissenschaft gewähren zu lassen, und selbst in die Notwendigkeit versetzt, die Anmaßungen der Pfaffen zu bekämpfen.

Unsere Aufgabe ist es, die errungenen Vorteile zu benützen, und der zweckmäßigste Weg dazu, das Wissen unter dem Volk zu verbreiten und vor allem danach zu streben, den Pfaffen mit und ohne Tonsur die Erziehung der Jugend aus den Händen zu winden.

Wohl weiß ich, dass die protestantischen orthodoxen Pfarrherren ebenso fanatisch sind, wie die dummgläubigen Mönche, und dass sie, wenn sie die Macht hätten, ihre despotischen Gelüste zu befriedigen, dies mit ähnlichen Mitteln tun würden, wie sie die römische Kirche gebrauchte; allein wir können Herrn Knaak und ähnliche Stillstandshelden ruhig ihre Glaubensdummheiten zu Markt bringen lassen, das protestantische Volk lacht darüber und die paar alten Weiber, die ihnen glauben, tun wenig Schaden. Ich lasse daher die innerhalb der protestantischen Kirche auftauchenden Dummheiten unberücksichtigt, wenigstens sind sie nicht der Hauptgegenstand dieses Buches. Ich habe es hier speziell mit den von Rom ausgehenden Dummheiten und Nichtswürdigkeiten zu tun und zeige dem Volk das Gesicht der römischen Pfaffheit, wie es in dem Spiegel der Geschichte erscheint.

Die erste Auflage dieses Buches war bald vergriffen und meine lange Abwesenheit von Deutschland hinderte mich daran, eine zweite zu veranstalten. Als ich jedoch im vorigen Jahr von Amerika zurückkehrte, wurde ich von sehr verschiedenen Seiten dringend dazu aufgefordert. Im Buchhändler-Börsenblatt wurde das Buch fast wöchentlich gesucht und es war selbst antiquarisch nirgends zu haben. Ich selbst konnte kein Exemplar auftreiben und hatte es mir von einem Privatmann zu borgen, welcher es an jemanden verliehen, der es wiederum einem Freunde in einer anderen Stadt mitgeteilt hatte!

Obwohl mit mancherlei Arbeiten überhäuft, entschloss ich mich nun zu einer zweiten Auflage. Die Veränderungen, welche während dieser zwanzig Jahre in Deutschland stattgefunden hatten, machten eine teilweise Umarbeitung notwendig. Die ganze Einleitung passte nicht mehr und ich schrieb eine andere. Zeitanspielungen durchzogen das ganze Buch und ich hatte es durchaus zu revidieren und vermehrte dasselbe durch ein Kapitel, welches ich hauptsächlich dem zweiten Band entnahm. Ich veränderte auch den Titel, da mir christlicher Fanatismus eine contradictio in adjecto schien.

Wenn ich an den mitgeteilten Tatsachen nichts änderte, höchstens einige hinzufügte, und ebenso wenig an dem Stil und Ton des Buches, so tat ich das mit voller Überlegung. "Narren muss man mit Kolben lausen" heißt das derbe deutsche Sprichwort und wie ein Anatom, der zum Besten der Menschheit in faulen Körpern wühlt, keine Handschuhe anziehen kann, so kann auch ich den faulen Pfaffenkörper nicht mit Glacéhandschuhen anfassen. Dass ich mir aber bei dem ekelhaften Geschäft eine humoristische Zigarre anstecke, kann mir kein Mensch übel nehmen, und sie kommt ja auch dem Leser zu gut. Ebenso wenig halte ich es für angemessen es aufzugeben, die Dinge beim rechten Namen zu nennen. Wenn ich einen für unanständig gehaltenen Gegenstand überhaupt so bezeichnen muss, dass man versteht, was ich meine, so wird der Gegenstand dadurch nicht anständiger, dass ich umschreibe, was ich mit einem deutschen Wort bezeichnen kann.