Gregor V., der letzte Papst im zehnten Jahrhundert, war der erste,
welcher das Interdikt auf ein Land schleuderte, und zwar auf Frankreich.
"Das Interdikt war die furchtbarste und wirksamste Taktik der
Kirchendespoten und der recht eigentliche Hebel der geistlichen
Universalmonarchie."

Jetzt mag der Papst bannen und interdizieren, soviel er will, es kräht kein Hahn danach; allein in jener finsteren Zeit konnte ein Land kein größeres Unglück treffen als das Interdikt. Trauer und Verzweiflung waren über dasselbe ausgebreitet, als wüte die Pest. Der Landmann ließ seine Arbeit liegen, denn er glaubte, dass der verfluchte Boden nur Unkraut statt Frucht trüge; der Kaufmann wagte es nicht, Schiffe auf die See zu schicken, weil er befürchtete, Blitze möchten sie zertrümmern; der Soldat wurde ein Feigling, denn er meinte, Gott sei gegen ihn.

Keine Wallfahrt, keine Taufe, keine Trauung, kein Gottesdienst, kein Begräbnis mehr! Alle Kirchen waren geschlossen, Altäre und Kanzeln entkleidet, die Bilder und Kreuze lagen auf der Erde; keine Glocke tönte mehr, kein Sakrament wurde ausgeteilt: die Toten wurden ohne Sang und Klang verscharrt wie Vieh, in ungeweihter Erde! - Ehen wurden nur eingesegnet auf den Gräbern, nicht vor dem Altar, - alles sollte verkünden, dass der Fluch des Heiligen Vaters auf dem Land laste. Kurz, die ganze Pfaffheit mit allem, was daran und darum hängt, war suspendiert. Es war ein Zustand, wie ich ihn - die Dummheit des Volkes abgerechnet - dem deutschen Volk von ganzem Herzen wünsche.

Der Bann oder die Exkommunikation kommt schon weit früher in der christlichen Kirche vor, aber dann war er immer nur gegen einen einzelnen gerichtet, und dieser hatte daran schwer zu tragen, wenn er sich auch persönlich gar nichts daraus machte. Das Volk betrachtete ihn als dem Teufel verfallen und floh seine Gemeinschaft, als ob er ein Pestkranker sei. Die Überbleibsel seiner Tafel, und wenn es die einer kaiserlichen waren, rührte selbst der Ärmste nicht an; sie wurden verbrannt.

Mit der Exkommunikation wurde der Gebannte auch zugleich für bürgerlich tot erklärt. Er konnte keine Rechtssache vor Gericht führen, nicht Zeuge sein, kein Gut zu Lehen oder in Pacht geben usw. Vor die Tür eines Gebannten stellte man eine Totenbahre, und seine Leiche durfte nicht in geweihter Erde begraben werden. Hieraus wird man es erklärlich finden, dass selbst Könige vor dem Bann zitterten.

Sylvester II., der Nachfolger Gregors V., ist der einzige Papst, von welchem die päpstlichen Geschichtsschreiber mit Bestimmtheit melden, dass ihn der Teufel geholt habe. Er war nämlich ausnahmsweise gescheit, trieb viel Mathematik, begünstigte die Wissenschaften und dergleichen Teufeleien. Ihm verdanken wir auch die arabischen, dass heißt unsere gewöhnlichen Zahlen.

Diesem gescheiten Papst hatte, so erzählt man, der Teufel die Papstwürde verheißen und versprochen, ihn nicht eher zu holen, als bis er in Jerusalem Messe lesen würde. Dazu war wenig Hoffnung, denn diese Stadt war von den Sarazenen besetzt, und Sylvester glaubte, die Bedingung eingehen zu können. Wie der Teufel mit dem Heiligen Geist fertig wurde, der sonst die Papstwahlen leiten soll, weiß ich nicht; genug, Sylvester wurde gewählt und hatte nicht die geringste Lust, in Jerusalem Messe zu lesen. - Aber der Teufel ist ein Schalk. Es gab in Rom eine Kapelle, welche den Namen Jerusalem führte; hier las der Papst Messe, ohne an den Namen zu denken, und der Teufel holte ihn gewissenhafterweise. Sylvesters Grab hat lange geschwitzt, und seine Gebeine rasselten. Schrecklich!

Die pseudoisidorische Dekretalen hatten im zehnten Jahrhundert schon ihre Blüten entfaltet; aber im elften fingen sie an, ausgiebig Frucht zu tragen. In demselben sehen wir das Papsttum in seiner höchsten Macht und Gregor VII. auf dem Gipfelpunkt derselben.

Ehe ich noch von dem gewaltigen Papst rede, muss ich erwähnen, dass schon vor seiner Zeit das Kollegium der Kardinäle zu sehr hoher Bedeutung gelangte. Ursprünglich gab es nur sieben Kardinales (von cardo, Türangel), und es waren dies die vornehmsten Geistlichen Roms. Da nun der Einfluss dieser Herren sehr stieg und alle Geistlichen nach dieser Würde trachteten, so sahen sich die Päpste genötigt, die Zahl der "Türangeln der Kirche" unter allerlei Abstufungen zu vermehren, bis sie endlich, weil Jesus siebzig Jünger hatte, auf diese Zahl stieg.

Allmählich wurde der Geistlichkeit und dem Volk das Recht der Papstwahl "entzogen", was man in nicht diplomatischem Deutsch gestohlen nennt, und die Kardinäle maßten sich das ausschließliche Recht derselben an. Dieses Kollegium, aus und von welchem der Papst nun gewählt wurde, hatte ein direktes Interesse daran, das Ansehen des Päpstlichen Stuhls auf jede Weise zu fördern, denn es konnte ja jedes Mitglied desselben selbst Papst werden.