Die höhere Geistlichkeit war von den Fürsten mit Reichtümern überschüttet, mit Land und Leuten begabt und mit fürstlichen Ehren und Rechten versehen worden; allein Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte waren Vasallen des Reichs. Als solche übergaben ihnen die Fürsten bei der Belehnung einen Ring zum Zeichen der Vermählung des Bischofs mit der Kirche, und einen Hirtenstab, als Zeichen des geistlichen Hirtenamts. Der Geistliche wurde nicht eher in den Genuss seiner Würde eingesetzt, bis diese Zeremonie stattgefunden hatte, welche die Investitur genannt wurde. Sie war das Band, durch welches die Bischöfe mit dem Landesfürsten zusammenhingen.
Dieses Band wollte Gregor lösen, um der weltlichen Macht alle Gewalt über die Kirche und deren Diener zu entziehen. Auf einer Synode (1075) erließ er ein Dekret, welches allen Geistlichen bei Strafe des Verlustes ihrer Ämter verbot, die Investitur aus der Hand eines Laien, das heißt Nichtgeistlichen, zu empfangen und welches den Laien untersagt, dieselbe bei Strafe des Banns zu erteilen.
Die Fürsten waren erstaunt über die neue Anmaßung des hochmütigen Pfaffen und kehrten sich nicht an seine Befehle. Gregor wusste jedoch sehr wohl, was er wagen konnte; er mühte sich nicht mit den kleineren Fürsten ab; er wollte ihnen seine Macht zeigen, indem er sie gegen den angesehensten unter ihnen, gegen den Kaiser, seinen Herrn, richtete.
Heinrich IV. hatte in Deutschland unter den Mächtigen viele Gegner.
Gregor schürte die Streitigkeiten mit denselben und machte die Sache der
Feinde des Kaisers zu der seinigen. Endlich hatte er die Frechheit, den
Kaiser nach Rom zu zitieren, damit er sich vor ihm verantworte!
Heinrich, dessen Vater noch drei Päpste abgesetzt hatte, war empört über diese Unverschämtheit und berief eine Synode nach Worms, von welcher Gregor einstimmig in den Bann getan und abgesetzt wurde.
Während dies in Worms geschah, sprang auch in Rom eine Mine gegen
Gregor. Eine Menge Gebannter vereinigte sich, überfiel ihn in der
Kirche, als er gerade Hochamt hielt, und schleppte ihn bei den Haaren
ins Gefängnis; der verblendete Pöbel in Rom setzte ihn wieder in
Freiheit.
Gregor lechzte nach Rache. Die Absetzungsdekrete beantwortete er damit, dass er Heinrich IV. und alle seine Anhänger in den Bann tat, die Untertanen ihres Eides entband und den Kaiser absetzte! Zugleich überschwemmten Mönche, die bereitwilligen Handlanger der Päpste, ganz Deutschland und bearbeiteten das Volk.
Zuerst schrie man hier fast einstimmig gegen den verwegenen Papst, denn im Schreien waren die Deutschen schon damals groß; aber Heinrichs Gegner handelten. Durch Hildebrands Intrigen verführt, fielen allmählich die Anhänger des Kaisers von demselben ab, nur Herzog Gottfried von Lothringen blieb ihm treu; Gregor schaffte ihn durch Meuchelmord aus dem Wege.
Die erbärmlichen deutschen Fürsten versammelten sich zu Tibur und erklärten hier dem Kaiser: "dass sein Reich zu Ende sei, wenn er sich nicht innerhalb eines Jahres vom Bann befreie!"
Niedergedrückt von dem finsteren Geist seiner Zeit, von aller Welt verlassen - nur wenige Soldaten waren noch bei ihm - entschloss sich der deutsche Kaiser, nach Rom zu gehen und den durch die Dummheit der Menschen so furchtbar gewordenen Gegner zu versöhnen. - In der strengsten Kälte, in einem armseligen Aufzug ging er über die Alpen. Die Italiener strömten ihm zu und verlangten, er solle an der Spitze eines Heeres den rebellischen Großpfaffen zur Rede stellen, aber die Niederträchtigkeit der Deutschen hatte den Mut und das Herz des ohnehin schwachen Kaisers gebrochen. Er wollte demütig von Gregor Gnade erflehen.