Beowulf. Das wahrscheinlich älteste denkmal der angelsächsischen vorzeit ist das epos Beowulf, welches der Däne G. J. Thorkelin von dem einzigen, noch dazu im jahre 1731 bei dem feuer im brittischen museum beschädigten manuscripte (Cotton. Vitellius A. 15) 1815 zu Kopenhagen zum ersten male und zwar sehr fehlerhaft herausgab.[59]

Die handschrift scheint aus dem zehnten jahrhundert zu stammen, bis wohin also das gedicht den mündlichen änderungen der sänger und den irrthümern der abschreiber unterworfen gewesen ist. Obgleich der geschichtliche stoff (aus der mitte des fünften jahrhunderts) und dessen behandlungsweise ersichtlich weit älter sind und in ihren grundlagen von den Angeln aus ihrer alten heimath nach England gebracht worden sein mögen, so hat doch dieses epos im laufe der zeit mannigfache umgestaltungen erlitten, namentlich scheint jede erwähnung der alten gottheiten der Angeln von den späteren christlichen Barden absichtlich in dem gedichte vertilgt worden zu sein. Das epos ist mehr mythus als heldensage, indem es von dem kampfe Beowulf’s zu Heorot, dem schlosse des dänenkönigs Hrothgar, mit zwei mächtigen wassergeistern, Grendel und dessen mutter, seinem hauptinhalte nach handelt und zum schluss den tod Beowulf’s bei der besiegung eines schätze bewachenden drachen und sein begräbniss schildert.

Als der todtwunde Beowulf sein ende herannahen fühlt, befiehlt er sein mal zu errichten (Kemble XXXVIII. v. 5598):

Ne mæg ic her leng wesan;
hatað heaðo-mære
hlæw ge wyrcean,
beorhtne æfter bæle,
æt brimes nosan;
se scel to gemyndum
minum leodum
heah hlifian
on Hrones næsse;
þæt hit sæ-liðend
syððan hatan
Biowulfes biorh,
ða ðe Brentingas
ofer floda genipu
feorran drifað.
Nicht mag ich hier lang bleiben;
heisset die kriegsberühmten
ein mal aufrichten,
glänzend nach dem leichenbrande
an des (see) randes nase,
welches soll zum gedenken
meinen leuten
hoch emporragen
auf Hronesnæs;
dass es die seefahrer
seitdem heissen
Beowulf’s berg,
wann die Brentinge
über der fluth dunkel
weithin treiben.

Und so wie Beowulf sein grabmal wünschte, so wird es von den seinigen hoch an der küste aufgeführt (XLIII. v. 6268):

Him ða gegiredan
Geata leode
ad on eorðan,
unwaclicne,
helm-behongen,
hilde-bordum,
beorhtum byrnum,
swa he bena wæs:
alegdon ða to-middes
mærne þeoden
haeleð hiofende,
hlaford leofne;
ongunnon þa on beorge
bæl-fyra mæst
wigend weccan:
wu[du-r]ec astah
sweart of swic-ðole,
swogende [g]let
[woþe] bewunden,
wind-blond gelæg
oð þæt he ða ban-hus
gebrocen hæfd[e],
hat on hreðre;
higum unrote
mod-ceare mændon
mon-dryhtnes [cwealm].
Ihm dann bereiteten
die Geatenmänner
einen scheiterhaufen auf erden
einen mächtigen,
helmbehangenen,
mit kriegsschilden,
glänzenden panzern,
wie er gewünscht hatte:
es legten dann zu mitten
den berühmten führer
die trauernden helden,
den geliebten herrn;
begannen dann auf dem berge
den mächtigsten leichenbrand
wetteifernd zu wecken:
der holzrauch stieg auf,
schwarz vom holzverzehrer,
rauschende gluth,
mit wehklagen umwunden,
windwirbel lag (darauf),
bis dass er das beinhaus
gebrochen hatte,
heiss auf der brust;
in den seelen bekümmert,
im gemüth besorgt betrauerten (sie)
des mannherrn tod.

Hier ist die handschrift lückenhaft. Der schluss des ganzen gedichtes, welcher das aufrichten des Beowulfmals schildert, möge hier nach der von Leo gegebenen übersicht des inhaltes einen platz finden; er enthält die alten heidnischen gebräuche bei der todtenbestattung.

„Da machte das Wedervolk einen todtenhügel, einen hohen und breiten, den die seefahrer leicht von weitem sehen konnten; und in zehn tagen zimmerten sie auf des kriegsberühmten zeichen (becn); mit einem walle umgaben sie es, wie die klügsten es als die ehrenvollste weise angaben. Sie thaten in den todtenhügel ringe und glänzende siegelsteine, aller art rüstzeug, wie es die wildsinnigen männer vorher aus dem schatze genommen hatten; sie liessen die erde halten der edlen zierden, den kies das gold—da liegt es nun noch unnütz wie sonst. Dann ritten um den leichenhügel kampfthiere, edelinge, es waren deren zwölf; sie sprachen und sangen zu seinem preise; sie durchforschten seine edlen eigenschaften, priesen seine heldenthaten, wie es recht ist, dass männer ihren holden herrn mit worten loben, wenn er fort muss aus der leibesumhüllung. So betrauerten die stammhäupter der Geaten ihren theuern herrn, seine heerdgenossen; sie sagten, dass von allen königen der welt er der freigebigste gewesen und freundlichste; dem volke der mildeste und nach edlem begierig.“

In das hauptthema Beowulf’s sind acht zum theil längere episoden eingeflochten. Die dritte und schönste (XVI. XVII. v. 2119-2317), welche ein Scóp bei dem festmahle nach Grendel’s besiegung vorträgt, der kampf Hengest’s und Hnæf’s gegen den Friesen Finn und die eroberung und endliche zerstörung der Finn’s burg,[60] ist bruchstückweise in einer andern bearbeitung auf uns gekommen, welche Kemble in seiner ausgabe des Beowulf seite 238-241 mittheilt. Auch der stoff und die erste grundlage dieses gedichtes ist, wie es scheint, von den Angeln von ihren ursprünglichen sitzen nach England verpflanzt worden.

Sängers Reise. Ein anderes, sehr altes gedicht ist der Traveller’s Song, nach dem anfange desselben auch Scopes widsith, sängers weitfahrt, sängers reise genannt. Dieses gedicht befindet sich in der berühmten Exeter handschrift[61] aufbewahrt und ist öfters gedruckt worden (in Conybeare’s Illustrations of Anglo-Saxon Poetry, Kemble’s Beowulf, Guest’s History of English Rythms und Leo’s altsächsischen und angelsächsischen sprachproben) und daher sehr bekannt, obwohl sein inhalt dunkel und offenbar durch viele interpolationen entstellt ist. Das einschieben vieler völkernamen lässt das gedicht nicht mehr als eine schilderung der sängerfahrt erkennen, sondern macht es eher zu einer zusammenstellung der in den damaligen poetischen volkssagen vorkommenden helden- und völkernamen, aus welcher sich die ursprüngliche fassung schwer abscheiden lässt. Diese selbst mag sehr alt sein und in die zeit, wo die Angeln noch auf dem festlande lebten, hineinragen. Leo (in seinen alt- und angelsächsischen sprachproben s. 75) sagt über den Traveller’s Song: