Für die zeit vor Chaucer fehlte es an einem buche, welches, gleichsam als historische einleitung zu jenen angeführten grösseren chrestomathien, eine pragmatische geschichte der englischen sprache und literatur während ihrer gewaltigsten und wichtigsten veränderungen enthielte und deren Übergänge anschaulich darstellte,—von dem erlöschen der keltischen und römischen zu dem auftreten der angelsächsischen sprache und der bildung einer reichen germanischen literatur durch das medium der mit dem christenthume eingeführten lateinischen kirchensprache,—von dem eindringen der normännisch-französischen zu dem untergange der alten angelsächsischen zunge,—von dem gegenseitigen verschmelzen beider idiome zu dem entstehen einer eigenen mischsprache, der englischen, welche ihre macht und verbreitung derselben zeit verdankt, in welcher das englische volk seine selbstständigkeit errang: alle diese phasen der englischen sprache, bis sie nach merkwürdigen wechselfällen durch die einführung der buchdruckerkunst grösserer festigkeit und sicherheit entgegengeführt wurde, soll die vorliegende arbeit schildern.


[ Einleitung.]


[ I. Die Kelten.]

Die alten griechischen schriftsteller wussten wenig von dem westlichen und nördlichen Europa. Herodot erzählt nur, dass der äusserste westen Europa’s von einem volke bewohnt war, welches er Kyneten oder Kynesier nennt, und dass die Kelten in den anstossenden ländern wohnten (Herod. Euterpe cap. 33 und Melpomene cap. 49).[A] Die brittischen inseln kennt Herodot unter dem namen Kassiteriden, von denen die Phönicier das zinn holten (Herod. Thalia cap. 115). Der autor des dem Aristoteles zugeschriebenen buches „von der welt“ (cap. 3) wusste bereits, dass jenseits der säulen des Hercules in dem ocean zwei grosse inseln Albion[1] und Ierne (Erin—Irland), die britannischen genannt, jenseits der Kelten lägen, und in dem orphischen argonautengedicht (edid. Hermann. Lipsiæ 1805. v. 1186) kommt die insel Iernis vor. Dieses ist die älteste kunde von den namen dieser inseln, welche auch von Polybius nicht vermehrt wird, indem er ebenfalls nur die britannischen inseln als die fundorte des zinns bezeichnet. Strabo verbindet die namen der Kassiteriden und britannischen [2] inseln. Ausser den Phöniciern hatten auch die kaufleute von Karthago und Tartessus die zinninseln unter dem namen Oestrymniden kennen gelernt, welche in der nähe von Albion und zwei tagereisen zur see von Ierne lagen. Auch die phocäische colonie Massilia und Narbo in Gallien trieben den zinnhandel über land. Nachdem das zinn, wie Diodorus Siculus berichtet, von seinem fundorte nach der insel Ictis (eine von der Scilly Islands) vor Britannien gebracht und von da nach Gallien hinübergeführt worden war, wurde es auf packpferden in dreissig tagereisen bis nach Narbo und nach Massilia befördert (Diod. Sicul. V, 22. 39). Die Römer konnten trotz der eifrigen nachfrage Scipio’s in Massilia und Narbo nichts näheres über die eigentlichen fundorte des zinnes erfahren. Erst Publius Crassus, wahrscheinlich von Cäsar gegen ende des ersten gallischen feldzugs zur unterwerfung der gallischen stämme am kanal ausgeschickt, entdeckte den weg des zinnhandels. Cäsar’s übergang nach Britannien im jahre 60 v. Chr. lüftete den schleier gänzlich. Seine berichte (de bello Gall. V, 13) über die britannischen inseln erwähnen bereits das um die hälfte kleinere Irland unter dem namen Hibernia und eine zwischen diesem und Britannien (medio cursu) liegende kleinere insel Mona, so wie mehrere nördlich gelegene kleine inseln.

Nach Cäsar waren die bewohner des innern von Britannien die ureinwohner[3] der insel und keltischen stammes, während die küsten mit belgischen colonien, welche den namen ihrer mutterstämme auf dem festlande führten,[4] besetzt waren. Die belgischen einwanderer, wahrscheinlich ebenfalls von keltischer[5] abkunft, besassen gebäude nach sitte der Gallier, bedienten sich abgewogener stücke erzes als geld, trieben ackerbau und viehzucht und waren weit gebildeter als die brittischen ureinwohner, welche von milch und fleisch lebten, sich tätowirten und in thierhäute kleideten. Von jenen Belgen besassen wiederum die bewohner von Cantium (Kent) die meiste bildung.[6] Diodorus Siculus (V, 22) berichtet, dass auch die bewohner des belerischen Vorgebirges (The Land’s End, Cornwall) wegen des grossen, durch den zinnhandel entstandenen Verkehrs mit fremden feinere sitten hatten.

Die von Cäsar besiegten Britten bemühten sich bald um die freundschaft ihrer sieger und unterhielten einen lebhaften verkehr mit Rom unter Augustus und Tiberius. Während der regierung des letzteren hatte in Britannien Cunobelinus die grösste gewalt, welcher unter dem namen Cymbeline gegenstand der muse Shakespeare’s geworden ist. Nach Cunobelin’s tode entstanden innere unruhen in Britannien, welche den Römern eine erwünschte gelegenheit gaben, das land zur provinz zu machen. Der kaiser Claudius sandte im jahre 43 n. Chr. zuerst den Aulus Plautius nach Britannien, worauf er sich selbst dorthin begab, die söhne des Cunobelinus besiegte, deren hauptstadt Camulodunum (Colchester) in Essex einnahm und die herrschaft der Römer im südosten von England befestigte. Vespasian fügte den südwesten der römischen provinz zu, welche der Proprætor Ostorius Scapula mit einer reihe von befestigten lägern oder forts vom Avon zum Severn beschützte. Derselbe befestigte Camulodunum und machte es zum hauptquartier der Römer; die stadt wurde als colonia mit öffentlichen gebäuden und einem tempel des Claudius geschmückt, das eroberte land in ihrer nähe aber unter die veteranen der legionen vertheilt. Nach mannigfachen blutigen kämpfen mit den gegen das römische joch anstrebenden Britten, in denen einerseits der sitz der druidischen macht auf der insel Mona (Anglesea) von Suetonius Paullinus zerstört, und andererseits Camulodunum und der emporstrebende handelsort Londinium von den eingeborenen unter ihrer anführerin Boadicea verwüstet und geplündert wurden, gelang es endlich dem römischen führer Agricola, welcher eine menge castella in Britannien angelegt und im jahre 81 eine anzahl forts quer über die insel von der mündung des Clyde bis zum Forth gezogen hatte, ganz Britannien im jahre 84 unter die herrschaft der Römer zu bringen. Dieser tapfere general, dessen flotte ganz Britannien umschiffte und die Orkneys besuchte, machte sogar einen einfall in Irland.[7]

Nunmehr hatten die verschiedenen keltischen stämme in Britannien, denn brittisches volk kann man wohl nicht sagen, ihre unabhängigkeit zum grössten theil auf immer verloren. Ihre nationalität war damit gebrochen und wurde noch mehr geschwächt, als die neuen herrscher ihr provinzielles verwaltungssystem auf die neue eroberung übertrugen, das land mit legionen und hilfstruppen überzogen und befestigte städte bauten; aus den wilden, aber freien Britten wurden römische unterthanen und leibeigene. Zwar zählt noch Ptolemäus in seiner geographie eine menge keltischer stämme in Britannien zugleich mit ihren wohnsitzen[8] auf, allein ihre namen verschwinden nach und nach. Nur diejenigen Kelten, welche in den gebirgen von Wales, oder von Schottland hausten, behielten noch lange ihre wildheit und zum theil ihre unabhängigkeit, indem sie sich auf das, wenn auch von den Römern angegriffene, aber nicht unterworfene Irland und dessen stammverwandte bewohner stützen konnten.

Die sprache der alten Britannier zu jener zeit, als die Römer ihre siegreichen adler von Gallien aus nach Britannien trugen, war ein zweig des alten Keltischen,[9] welches im ganzen westlichen Europa gesprochen wurde, gegenwärtig aber nur noch in Wales, in den hochlanden und auf den inseln von Schottland, in Irland und auf der insel Man unter dem namen des Welschen,[10] Gælischen,[11] Ersischen[12] und Mankschen[13] lebt, auf dem festlande aber sich noch in dürftigen trümmern in der Bretagne[14] und vielleicht am biskayischen[15] meerbusen erhalten hat.