Der neue Bürgermeister gab seiner Frau vor dem Zubettgehen einen herzlichen Kuß und meinte: »Siehst du, Dora, – unser Kaiser – das is 'n Mann, den muß man achten

Und der Tag war so schön verlaufen, wie überhaupt nur das zwanzigjährige Stiftungsfest eines Kriegervereins und eine Denkmalsenthüllungsfeier verlaufen kann.

Am Sonntagmorgen fand Konzert auf dem Eichenberg bei Wettorp statt, und nach dem Kirchgange wanderten die Kameraden erst ganz gemütlich durch die Straßen. Die Musik, die am frühen Morgen vom Kirchturm herab Choräle geblasen hatte, spielte von zwölf bis ein Uhr auf dem Markte vor dem Denkmal, das weidlich angestaunt ward, und als sie geendet hatte, da traten die Vereine zum Festzuge an. Knaben mit Tafeln, auf denen die Ortschaften der verschiedenen Vereine geschrieben standen, stellten sich in bestimmter Entfernung hintereinander auf, und bei ihnen versammelten sich die Mitglieder. Bald war der ganze Markt voll. Der Vorsitzende vom Wettorper Kriegervereine kommandierte: »Stillgestanden!« und die Alten nahmen ihre Arme fest zusammen und machten ein Dienstgesicht, so gut es noch anging. Der Vorsitzende befahl: »Fahnensektionen – vor! Fahnen holen!« und von jedem Vereine schritten drei Männer ins Rathaus, um die Wahrzeichen an sich zu nehmen. Der Ortsmusikus paßte mit erhobenem Taktstocke auf, und sobald die erste Fahnenspitze sichtbar wurde, senkte er den Stab, und »tra–tatata–diida« ging es los, während alle Veteranen und Kameraden den Kopf entblößten, bis die Fahnen sich eingereiht hatten. Die Musik stellte sich nun an die Spitze des Zuges. »Bataillon Marsch!« hieß das Kommando, und der Festzug setzte sich in Bewegung. Die Kameraden hatten alle ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt, und die blinkerten goldig im warmen, lustigen Sonnenscheine. So marschierten sie durch die Straßen; aus den Fenstern warfen ihnen Frauen und Mädchen kleine Sträuße und einzelne Blumen zu, die die Vorübergehenden mit ihren verarbeiteten Händen auffangen sollten, aber sie waren zu ungeschickt dazu, und die Blumen fielen zwischen den gespreizten Fingern hindurch zur Erde, um von den Hinterleuten halb zertreten aufgehoben zu werden. So pilgerten die Alten hinter der Musik und den wehenden Fahnen her und gaben sich bisweilen einen Ruck, wenn der Ortsmusikus ein recht forsches Stück spielen ließ, das sie wohl anno 1848 oder 1870 schon gehört hatten.

Zu beiden Seiten des Zuges aber standen die Wettorper, Frauen und Männer, dichtgedrängt, ließen alles vorbeimarschieren und eilten dann schnell durch eine Querstraße bis dahin, wo sie den Zug später wieder sehen konnten.

»Tschingda tschingda dudeldudeldudel bumm,« machte die Ortskapelle und so gelangten alle ins Landhaus, wo das Festessen stattfand. Das war nun ein wahrer Hochgenuß. Königinnen-Kraftsuppe mit Fleischklößen und Spargel gab es zwar nur wenig auf den Tellern, denn wenig Suppe geben ist vornehm, die Butten mit der Mehlsauce waren schon kalt, aber das kam nur daher, daß sich der Festzug um eine halbe Stunde verspätet hatte und daß so viele mit essen wollten, die sich vorher nicht angemeldet hatten. Das Roastbeef dagegen war nun wunderbar zart. – »Ja,« sagten die Wettorper, »Fru Stamm weet, wo 'n Stück Ossenfleesch bradn wardn mutt. Na, un de Sohs' de mugg man ja rein mit Lepeln eten.« Und alles, was dann noch kam, Früchte, Brot, Butter und Käse, war gut und reichlich, und das Eis war nicht zu kalt. Nein, für zwei Mark »das trockene Kuvert« hatte man da ein herrliches Essen. Und der Wein war auch so schön; je zwei Kameraden tranken meist eine Flasche.

»He farvt örntlich, – kick mal, wo rod min Glas is. Un denn is he bannig stark, aber wenn man twee Mark föftig för so 'n Buddel utgifft, denn will man em ock marken[1] können. Junge, wat markt man em!«

Und Reden wurden gehalten. Erst auf den Kaiser, dann auf die Gäste, dann auf den Wettorper Verein, dann auf den Bürgermeister, dann auf das Komitee, dann auf die Frauen, dann auf Deutschland, dann auf Schleswig-Holstein, dann auf alle Kriegervereine, dann auf die deutsche Flotte, dann auf die Kaiserin, dann auf Mieze, dann auf alles Mögliche – – man konnte die Redner gar nicht mehr verstehen, so laut wurde es mittlerweile im Saale und so dicht war der Zigarrendampf. Wenn aber einer sein Glas erhob und hoch! hoch! hoch! rief zum Zeichen, daß er mit seiner Ansprache zu Ende war, so erhoben sie alle die Gläser mit und riefen alle mit hoch! hoch! hoch! – Es war auch einerlei, meinten sie, auf wen das Hoch ausgebracht wurde: zugute mußte es ihm ja unter allen Umständen kommen, wenn sie nur kräftig mitschrieen. – Die Ortskapelle musizierte auf der Tribüne und spielte ein patriotisches Potpourri nach dem andern, und sie sangen alle mit »lalala,« denn den Text kannten sie nicht oder doch nur die erste Strophe jedes Liedes.

Natürlich waren hier nur die Herren versammelt; die Damen tranken während des Festessens ihren Kaffee im Garten und blickten wohl einmal durch die Saalfenster, ob ihre Männer es auch nicht zu arg trieben; aber die fühlten sich sicher und ließen sich weder durch Winke noch durch Blicke davon abbringen, sich noch eine Flasche Rotwein mit ihrem Nachbar zu teilen.

Um sechs Uhr erst wurde der Saal geräumt, und in einer halben Stunde war alles, was an das Essen erinnerte, beseitigt. Das Trompetensignal, der Ruf zum Sammeln, ertönte, die Veteranen mit den Ihrigen strömten wieder herein, wunderten sich, daß alles so schnell verändert war, und setzten sich erwartungsvoll hin mit dem Gesichte zur Bühne gewandt, wo das Festspiel aufgeführt wurde.

So schönes Theater hatten die Kriegsveteranen und Kameraden nie gesehen. Als der Vorhang nach dem rührenden bengalischen Lichte und nach dem herrlichen lebenden Bilde fiel, da klatschten sie, was sie nur klatschen konnten.