Von einem französischen Einbande, 16. Jahrh.
3. Der Renaissanceband in Italien und Frankreich.
Der Umschwung, der im 14. und 15. Jahrhundert in dem gesamten Kulturleben des italienischen Volkes eintrat und den wir uns gewöhnt haben mit dem Worte Renaissance zu bezeichnen, führte bekanntlich die bildenden Künste zu einer glänzenden Entwickelung, deren Höhepunkt die Namen Raffael und Michelangelo bezeichnen. Auch die sog. technischen Künste blieben nicht unberührt von dem Geiste der Renaissance, der der Phantasie den freien Flug verlieh, die künstlerischen Kräfte entfesselte und im Volke selbst die Freude an der schönen Form weckte und wach erhielt.
Überall, wo die Zierkunst anknüpfen konnte an antike Vorbilder, die dem Schoße der Erde entrissen oder aus der Vergessenheit hervorgezogen worden waren, ließ sie sich den Vorteil nicht entgehen und suchte in freier Nachbildung der »klassischen« Formen etwas Neues zu schaffen, das den Anschauungen, dem Formgefühl und den Bedürfnissen des lebenden Geschlechtes entsprach.
Für den Bucheinband oder sagen wir für die Lederdecke des gedruckten Buches gab es selbstverständlich keine antiken Vorbilder, also auch keine Renaissance im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Indes war das Verlangen, das äußere Gewand des Buches mit Zierformen zu beleben, unabweisbar. Die unbehilfliche, für das Auge fast reizlose Technik des Blinddrucks jener Zeit genügte dem Schönheitssinne der Italiener nicht, und so griffen sie mit Begier nach den Mustern, die ihnen der Osten entgegenbrachte.
Das Verdienst, den vergoldeten Lederband mit Pappdeckelkern auf europäischen Boden verpflanzt zu haben, gebührt nachgewiesenermaßen dem großen Drucker und Verleger Aldus Manutius in Venedig, der von 1449 bis 1515 lebte, sowie dessen Söhnen und Geschäftsnachfolgern. An seinen Namen knüpft sich der Aufschwung des Buchdrucks in Italien, ja seine mit Erfolg gekrönten Bemühungen, schöne Typen auch in mäßiger Größe herzustellen, haben weit über die Grenzen Italiens hinaus fruchtbringend gewirkt. Die »Aldinen«, die Drucke, die aus der Offizin der Aldi hervorgegangen sind, gehören bekanntermaßen zu den typographischen Kostbarkeiten, die heutzutage nicht selten mit Gold aufgewogen werden.
Persische und maurische Einbände waren in Venedig, das mit den Handelsplätzen an allen Küsten des Mittelmeers einen lebhaften Warenaustausch unterhielt, zweifellos schon vor der Einführung der Buchdruckerkunst bekannt und geschätzt. Ja die Vermutung, daß Arbeiter aus dem Orient, Mauren, vielleicht auch Griechen für Herstellung von Einbänden schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Venedig beschäftigt waren, hat vieles für sich und wird hauptsächlich gestützt durch vier venetianische Drucke vom Jahre 1477, die sich im Museum zu Gotha befinden. Drei dieser Bände sind mit jenen fein gemusterten, durchbrochenen Ledereinsätzen ornamentiert, wie wir oben ([S. 196]) kennen gelernt haben; zur Blindpressung aber sind an den Ecken der Borde römische Kaisermünzen verwendet, was darauf schließen läßt, daß die Decken nicht in der Levante, sondern in Venedig, möglicherweise von griechischen, bei der Eroberung Konstantinopels durch die Türken ausgewanderten Handwerkern hergestellt wurden.
Wie dem auch sei, jedenfalls hat erst die Betriebsamkeit des Aldus und seiner Söhne die Reform in der Buchbinderei herbeigeführt, die, anknüpfend an die Grundzüge des orientalischen Geschmacks, der Handvergoldung mit Bogenlinien und kleinen Stempeln die Bahn brach. Die Anregung dazu mag ihnen wohl von Nicolaus Jenson, ihrem Vorgänger, überkommen sein, denn dieser ist der Drucker der vorerwähnten gothaischen Bände und nahm 1479 den Andrea Torresano d’Asola in sein Geschäft als Gesellschafter auf, dessen Tochter sich mit Aldus Manutius (d. ä.) 1500 verheiratete.