Rückenschilder mit Titel waren zu jener Zeit, wie wir hier einschaltend bemerken, noch nicht üblich. Die Bücher wurden immer noch liegend aufbewahrt und der Inhalt des Bandes gewöhnlich auf einem an dem nach vorn gerichteten Schnitt angebrachten losen Schildchen angegeben oder auf den Schnitt geschrieben.

Die flache (nicht modellierte) Zeichnung der Blätter und Blüten, die entweder mit Vollstempeln oder mit schraffierten Stempeln (fers azurés) gedruckt wurden, ist mit der natürlichen Erscheinung nur noch schwach verwandt: die stilisierte Form läßt die Urform nur selten mit Sicherheit erkennen. Einzelne Motive sind ohne weiteres von den orientalischen Vorbildern herübergenommen, so namentlich die schilfartig zugespitzten und die mit der Spitze in Hakenform sich biegenden Blätter, die in den sog. Mauresken (im maurischen Sinne entwickelten Füllungsmustern) von deutschen und italienischen Ornamentisten mit Vorliebe nachgebildet, auch mannigfach umgestaltet wurden. (Vergl. die Kopfleisten [S. 204] und [186] sowie [Fig. 145].)

Über den Lebenslauf Groliers sind wir ziemlich genau unterrichtet. Er wurde 1479 in Lyon geboren, lebte von 1510 bis gegen 1530 in Mailand als Schatzmeister des französischen Heeres in Italien. Später hielt er sich in Rom als französischer Gesandter beim päpstlichen Stuhle auf (1534), kehrte dann nach Frankreich zurück und ließ sich in Paris nieder, wo er in seinem Hause, dem sog. Hôtel de Lyon, eine reiche Büchersammlung, an 3000 Bände stark, anlegte, von der heutzutage noch etwa 350 Stück in verschiedenen Bibliotheken, öffentlichen wie privaten, nachweisbar sind. Er starb daselbst im Jahre 1565. Es ist zwar nicht mit Bestimmtheit nachgewiesen, aber doch sehr wahrscheinlich, daß Grolier aus Italien Buchbinder und Vergolder nach Paris zog, oder aber daß Franz I., der so viele Künstler und Kunsthandwerker aus Florenz, Mailand und anderen italienischen Städten nach Frankreich kommen ließ, diesen Zuzug auf Groliers Betreiben veranlaßte. Jedenfalls war Grolier in litterarischen Dingen der Ratgeber des Königs ebenso wie seiner nächsten Nachfolger, Heinrichs II. und Karls IX., deren Bücherbesitz durch die im Genre Grolier gehaltenen Einbände ausgezeichnet ist.

Fig. 146. Früher Grolierband mit Vollstempelverzierung und aus Stempeln gebildeter Borde. Sammlung Dutuit. (Gaz. des Beaux-Arts.)

Fig. 147. Decke eines für Heinrich II. gebundenen Buches. Farbiges Riemenwerk mit Bogen- und Stempeldruck. Gedruckt 1560. (Nach Techener.)

Dies Genre Grolier zeigt übrigens keineswegs eine uniforme Schablone, sondern vielfache Variationen. Die frühesten Bände, die die Bezeichnung JO. GROLIERII ET AMICORUM tragen und auf jeden Fall noch auf italienischem Boden entstanden sind, zeigen eine schlichte Linien-, auch wohl gemusterte Rollendruckumrahmung und einen nur dürftig mit wenigen Vollstempeln[4] und linearem Ornament bedeckten Spiegel ([Fig. 146]). Bei anderen Bänden schlingt sich aufgelegtes oder bemaltes, mit Gold gerändertes Riemenwerk in geraden und gebogenen Zügen durcheinander (entrelacs) und Bogenlinien mit angesetzten Blüten und Blättern dienen zur Lückenfüllung. Dieser Richtung gehören die in Abbildung wiedergegebenen Decken ([Fig. 147] und [148]) an, ebenso die in [Fig. 149] wiedergegebene, nur daß bei [Fig. 148] das Linien- und Blattwerk zur Deckung des Grundes fehlt. Wiederum andere haben eine lineare Zeichnung, die gegen die Mitte hin sich zu einer Kartusche mit punktiertem Grunde gestaltet ([Fig. 150]). Die Verzierung ist bis auf das Wappen in der Mitte mit dem Drachen darunter ganz durch Bogendruck hergestellt, eine Manier, die große Geschicklichkeit in dem Ansetzen der Bogenlinien erfordert, namentlich wenn der eine Bogen nach rechts, der andere nach links gezogen ist. Dieser Schwierigkeit suchte man durch die sog. Leerstempel (fers à filet) abzuhelfen, bei denen der Umriß der Blattform nicht mehr aus einzelnen Stückchen gebildet zu werden brauchte ([Fig. 151].) Mit Hilfe dieser Leerstempel konnte man auch eine weniger breit angelegte Ornamentierung erzielen, als es bei ausschließlicher Anwendung von Bogenlinien der Fall war.