Schwieriger ist die Sache beim Halbfranzbande, denn hier wird der Rücken sofort beim Überkleben geformt. Zu diesem Zwecke wird jeder Band einzeln in eine Presse gesetzt, so daß der Rücken frei nach oben steht. Dieser wird mit Leim mäßig bestrichen, und ein besonders zähes Papier, welches etwas länger als der Band und etwa 5–6mal breiter als der Rücken ist, aufgeklebt, und mit einem Falzbein gut angerieben. Auf der einen Seite wird das Papier am Falz her mit einem Messer glatt weggeschnitten, am anderen Falz her wird das Papier über den Rücken zurückgebrochen. An der glatt geschnittenen Seite wird ganz schmal Leim gegeben und der herübergelegte andere Teil des Rückenpapieres hier angeklebt und gut angerieben. Jetzt wird abermals über den Rücken zurückgebrochen, aber der vorher gespannte Teil angeschmiert, das Ende aufgeklebt und angerieben. Am Falz wird abermals zurückgebrochen, aufgeklebt und dies fortgesetzt, bis der Rücken eine der Schwere des Buches entsprechende Dicke erreicht hat. Wenn das Rückenpapier nicht allzudünn ist, genügen 5 geklebte Lagen für ein mittleres Buch. Am Falz der letzten Papierlage wird das Papier glatt weggeschnitten.
Hierbei ist zu bemerken, daß jede Lage die vorhergehende nicht überragen darf, sondern eher eine Kleinigkeit zurückstehen muß, damit der Rücken nicht höher wird als die Deckel. Soll ein solcher Band keine erhabenen Bünde auf dem Rücken erhalten, so ist er jetzt schon fertig zum Einledern, nachdem der Rücken oben und unten noch mit den Deckeln gleichhoch abgeschnitten wurde, was zweckmäßig mit einer Schere geschieht.
In gewöhnlichen Werkstätten, welche nach älterer deutscher Manier arbeiten, wird der Rücken einfacher hergestellt; ein Streifen Aktendeckel, so lang als die Deckel, wird auf die genaue Breite des Rückens von Falz zu Falz gemessen, zugeschnitten und gerundet, indem er unter dem Falzbein in wiegender Bewegung durchgezogen wird. An beiden Längsseiten schmal angeschmiert, wird er auf den Rücken passend angehängt; er soll sich überall genau an den Buchkörper anschmiegen und nirgends abstehen. Die weitere Behandlung deckt sich mit der vorher beschriebenen.
Wie früher, beim festen Rücken und mit umstochenen Heftschnüren, die Bünde sich erhaben abzeichneten, so kleben wir auch heute meistens »unechte Bünde« von schmalen Lederstreifen auf dem Buche auf, die möglichst die wirklichen Heftbünde decken sollen. Diese Art ist für alle besseren Leder- und Halbfranzbände zu empfehlen, wo nicht ganz besondere Zwecke einen glatten Rücken erfordern, wie etwa bei einzelnen Arten der Rokokobände.
Je schmäler der aufgeklebte Bund ist, desto schöner ist er. Die Streifen werden etwas länger als Rückenbreite zugeschnitten, genau rechtwinkelig zum Falz aufgeleimt und an diesem mit einem scharfen Messer so abgeschnitten, daß er vom Rücken nach dem Falz zu ganz dünn verläuft.
Das Überziehen, »Einledern«, häufiger »das Ledermachen« genannt, erfordert als Vorarbeit das »Schärfen« des Leders. Man versteht darunter das Verdünnen oder Abflachen des Leders nach den Enden zu und in den Fälzen. Dies hat den Zweck, zu verhüten, daß Ränder oder Enden auf die daran- oder darübergeklebten Teile zu stark »auftragen«. Zu dieser Arbeit dient das »Schärfmesser«, mit dem auf dem »Schärfstein« von Marmor oder Solenhofer Schiefer die entsprechende Behandlung vorgenommen wird. Je nach der Arbeitsweise unterscheiden wir das »Schärfen« und »Stoßen«, und demgemäß verwendet man die sogenannte Berliner und Offenbacher Form des Schärfmessers mit mehr schneidender, und die Pariser und Wiener Form mit mehr stoßender Bewegung, ähnlich dem Hobeln des Tischlers. Um bei der Arbeit die Finger zu schützen, wird der hintere Teil des Messers bis zum Heft mit Leder umklebt. Der Schärfstein muß entweder genügend schwer sein, damit er beim Arbeiten nicht ausweicht, oder in einen Holzrahmen gefaßt werden, an dessen unterer Vorderkante eine angeschraubte Leiste gegen die Tischkante anstößt. Der Stein selbst ist nicht allein auf seiner Oberfläche geschliffen und poliert, sondern auch die Vorderkante ist sorgfältig gerundet, damit das zu verarbeitende Leder keine Marken oder Verletzungen erhält.
Gleichviel welcher Art das Schärfmesser ist, immer hält die linke Hand das Leder mit dem Daumen gegen die vordere Kante des Steines gepreßt, während die anderen Finger ausgespreizt das Leder an der zu bearbeitenden Stelle straff anspannen; die Rechte führt das Messer. Die Stoßmesser arbeiten Strich an Strich von rechts nach links, die Schärfmesser arbeiten stoßend und zugleich schneidend von links nach rechts. — Zur Zeit findet man in den besseren Werkstätten beide Arten von Messer vertreten, und zwar wird meist für dünnere Leder und zum schmalen Schärfen (die gewöhnliche Art) meist Offenbacher, für dickes Leder und zum breit Ausschärfen Pariser Form benutzt.
Fig. 53. Offenbacher und Pariser Messerform.
Man unterscheidet mehrere Arten des Schärfens: »Abstoßen«, »Einschlagschärfen«, »Ausschärfen« bei größeren Flächen. Erstgenannte Arbeit ist die leichteste; wie zu jeder Art des Schärfens wird das Leder erst »geribbelt«, d. h. der zu schärfende Lederteil wird nach der Fleischseite zu umgeschlagen und durch Hin- und Herrollen auf dem Stein unter den Fingern der rechten Hand mürbe, geschmeidig, und zum Schärfen geeigneter gemacht. Nur dünnere Sorten, Spalt-, Kalb-, Bastard- und Bockleder, werden abgestoßen, d. h. es wird davon ein etwa 1 cm breiter Streif nach den Kanten zu verlaufend abgenommen, während dickere Ledersorten breiter ausgeschärft werden müssen.