Fig. 109. Deckel eines Evangeliars von Anton Eisenhoit. Um 1590. Im Besitz des Grafen Fürstenberg-Herdringen.
Mit dem 14. Jahrhundert wird das Buch, die Abschrift, bereits vorhandener und neu entstehender Werke, immer mehr zur Ware, zum Handelsartikel, und demgemäß muß auch der Einband auf einfachere und billige Weise hergestellt werden, wobei jedoch nicht ausgeschlossen ist, daß die kirchlichen Zwecken dienenden Evangeliarien und Sakramentarien nach wie vor mehr Metall- als Lederarbeit erfordern. Ganze in Silber getriebene Buchdeckelbekleidungen kommen noch im 16. Jahrhundert vor, ja im 17. Jahrhundert erwacht von neuem der Geschmack an der Belegung des Deckels mit Metallplatten, die sich von der einfachsten Messinggravierung bis zu den kostbarsten Ziselierungen von silbernen und vergoldeten Platten erheben. Eine der prachtvollsten Arbeiten dieser Art, die der Warburger Goldschmied Eisenhoit für den Fürstbischof von Paderborn, Theodor v. Fürstenberg, zu einem Evangeliarium fertigte, ist in [Fig. 109] wiedergegeben. In der Regel beschränkt sich seit dem 15. Jahrhundert der Metallbeschlag auf den Schutz der Ecken, auf ein rosettenförmiges oder als Medaillon gestaltetes Mittelstück und auf die Schließen (Klausuren), die dazu dienten, die beiden Deckel über den Vorderschnitt zusammenzuhalten ([Fig. 111]). Die Schließen, als Spangen von Metall, häufiger in Form von Lederriemchen, kommen erst im 13. Jahrhundert auf. Mit ihrem Haftblech sind sie meist an dem untern Deckel befestigt und greifen mit einer Krampe oder Öse in den Beschlag an der oberen Deckelkante ein. Der Eckbeschlag ist in der Regel mit einem Knopf oder mit Buckeln versehen, die die Decke vor der Berührung mit der Tischfläche schützen, wenn das Buch aufgeschlagen wird. Es schiebt sich während der gotischen Stilperiode im spitzen Winkel nach der Mitte zu mit einem Dreiblattornament vor, wie aus [Fig. 112], [S. 171] zu ersehen ist. Der Beschlag bildet insbesondere, wenn er in kunstvoller Silberarbeit ausgeführt ist, auch in der Zeit der Renaissance oft den ganzen Zierat der sonst schlicht mit Leder oder Samt bezogenen Decke. Unsere Abbildung [Fig. 110] zeigt einen solchen Prachtbeschlag von dem Nürnberger Goldschmiede Hans Kellner, bei welchem geflügelte Engelköpfe den Dienst der oben erwähnten Knöpfe oder Buckel versehen und der Eckbeschlag mehr im Sinne eines Schmuckstücks als einer Schutzvorrichtung erscheint.
Fig. 110. Einbanddecke des Tucherschen Geschlechterbuchs. 1559. Nürnberg, Privatbesitz.
Mit Erwähnung dieser Erzeugnisse der Renaissancezeit sind wir bereits weit über die Grenzen des Mittelalters hinausgegangen. Indes schien es uns der Sache angemessen, den mittelalterlichen Prachtband, an dem der Goldschmied das Beste gethan, hier gleich in seinen Ausläufern zu verfolgen, ehe wir uns zur Betrachtung des bürgerlichen Ledereinbandes anschicken.
Fig. 111. Buchschließe einer Bibel. 16. Jahrh. Leipziger Kunstgewerbe-Museum.
Kranzrollenmuster von einem Athoseinbande.